Die Brutalität von Trotzki und Stalin

Richard Pipes, emeritierter Geschichtsprofessor der Harvard University, bezweifelt in seiner Rezension von Joshua Rubensteins Biografie über Leo Trotzki, dass Trotzki ein weniger grausames Monster als Stalin gewesen wäre, wenn er der Nachfolger Lenins geworden wäre. Dazu führt Pipes einige Tatsachen auf und bringt zustimmend ein Zitat von George Orwell, der Trotzki ebenfalls nicht für menschlicher hielt als Stalin: “The essential act is the rejection of democracy – that is of the underlying values of democracy“.

Evgeny Morozov rezensiert Jeff Jarvis und bringt damit die Internetdebatte voran

Schade, dass der Begriff “Internetintellektuelle” mittlerweile so geprägt ist, dass damit Poser und Anti-Intellektuelle gemeint sind, bzw. sich selber meinen.

Evgeny Morozov, der Autor von “The Net Delusion“, hat sich erfreulicherweise die Mühe gemacht, einen prominenten Teil des “Internetdiskurses” in Form von Jeff Jarvis’ neuem Buch “Public Parts” zu rezensieren. Auf deutsch bei der FAZ.

Morozov zeigt ganz gut, wie verzerrt und polemisch einige Darstellungen aufgebaut sind, und dass sie großspurig ethische Probleme vom Tisch wischen, für die eigentlich die Sensibilität gestärkt werden müsste. Michael Walzer spricht treffend vom technologischen Romantizismus, gegen den Morozov nüchterne Argumente bringt. Wer die deutsche Debatte der letzten drei, vier Jahre verfolgt hat, wird viele Momente wiedererkennen, die ja bedauerlicherweise eher sozialpsychologischer als sachlicher Natur sind.

Jeff Jarvis hat hier auf Morozov geantwortet, und Evgeny Morozov darauf wiederum hier.

.

.

Computer und Internet als elektronisches Fegefeuer

Noam Chomsky hat im März soziale Medien als “extremely rapid, very shallow communication” bezeichnet, die menschliche Beziehungen erodiere und sie “more superficial, shallow, evanescent” mache. In einem weiteren Interview hat er diese Einschätzung bekräftigt. In digitalen sozialen Medien hat Chomskys Auffassung jüngst durch eine Kritik von Nathan Jurgenson bei Salon Aufmerksamkeit erhalten. Der Twitter-User @wrongwatch hat das folgendermaßen kommentiert:

“Chompksy isn’t wrong about twitter being shallow, evanescent, whatever that means. But I can’t remember why”

-

David Gelernter, der in seinem Buch “Mirror Worlds” von 1991 viele Entwicklungen des Internet sowie das Cloud-Computing vorweggenommen hat, plädiert in der FAZ dafür, dass Kinder jünger als 14 kein Handy und kein “iSpielzeug” haben sollten, weil sie sonst im elektronischen Fegefeuer landeten.

Die New York Times berichtet, dass im Silicon Valley Mitarbeiter von Firmen wie eBay, Google, Apple, Yahoo und Hewlett-Packard ihre Kinder auf die Waldorf-Schule schicken würden, in deren Klassenzimmer keine Computer erlaubt seien.

Axel Kossel beschreibt im Editorial der c’t, wie ihn seine Apps im Griff haben.

Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Rezensionen zu Peter Bieris “Wie sollen wir leben?”

Nach seiner Reflexion über das “Handwerk der Freiheit“, in der Peter Bieri, statt philosophische Lehren und Positionen aufzuzählen, sich in einer literarisch-philosophischen Weise einem lebensrelevanten Begriff von Freiheit nähert, ist nun mit seinem neuen Buch “Wie sollen wir leben?” ein weiterer solcher Versuch erschienen, in dem es um Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis geht.

Bieri entfaltet explizit ein Verständnis von Philosophie, dass sie nicht auf reine “begriffliche Turnübungen” beschränkt, sondern sie bei der Klärung lebenspraktischer Fragen an die Seite der Psychologie stellt.

.

.

Philosophischer Humor

Sind Philosophen ein Haufen humorloser Misanthropen? Nicht notwendig.

Auch wenn ein beachtlicher Teil philosophischer Theorien, Vertreter und Texte ziemlich “unspirited” ist, so gibt es doch auch Ausnahmen. (Schopenhauer ist ein interessantes Beispiel eines Philosophen, dem man sowohl Humorlosigkeit als auch feinste Beiträge zum philosophischen Humor attestieren kann.)

Die klassische Sammlung philosophischen Humors im Internet findet man auf der Webseite “Philosophical Humor” von David Chalmers (dem David Chalmers), die seit den 90er Jahren besteht (und die sich seitdem ihren “ästhetischen Charme” bewahrt hat). Es hat den Eindruck, als wenn sie nicht mehr auf dem Laufenden gehalten wird. So sind einige Links obsolet. Aber Klassiker wie die “Philosophical lightbulb jokes” oder den über 10 Jahre alten “Postmodernism Generator” (angesichts der deutschen Internetdebatten topaktuell) sollte man kennen.

Im englischsprachigen Bereich ist der leichtfüßige Zugang zu tiefschürfenden philosophischen Reflexionen gebräuchlicher. Ein Meilenstein ist da der Bluffer’s Guide to Philosophy, der eine Weile vergriffen war, aber neuerdings wieder aufgelegt wird. Hier gewinnt man so essentielle Erkenntnisse wie die, dass englische Veröffentlichungen in Philosophie drei Substantive im Buchtitel aufzählen (“Language, Truth, and Logic” etc.), während es in der kontinentaleuropäischen Philosophie zwei sein müssen (“Sein und Zeit”, “Das Sein und das Nichts”). Mit solchen Weisheiten ausgestattet, steht dem Selbstdenken quasi nichts mehr im Wege.

Einen interessanten Hinweis hat der Blinde Hund in den Kommentaren hinterlassen: Thomas Cathcart und Daniel Klein erklären Philosophie (hier auf deutsch) und philosophisch gefärbten Politsprech anhand von Witzen – das Publikum ist offenbar begeistert.

.

. .

Wittgenstein ist der wichtigste Philosoph der deutschsprachigen Internetcommunity

Nach einer Woche habe ich nun die Abstimmung darüber, welcher Philosoph / welche Philosophin der “Gegenwart” (20./21. Jahrhundert) euch am meisten bedeutet, geschlossen. Das wissenschaftlich solide ermittelte Ergebnis lautet: Ludwig Wittgenstein. Auf Platz 2 und 3 folgen Bertrand Russell und Theodor W. Adorno.

185 Stimmen wurden abgegeben, Mehrfachnennungen waren möglich. Die relative Verteilung könnt ihr dem untenstehenden Diagramm entnehmen. Ich hätte tatsächlich vermutet, dass andere Rockstars auf die ersten Plätze gewählt werden würden. Insofern bin ich positiv überrascht. In Zeiten, in denen man seine Hoffnungen in Engagement und Klarheit setzen muss, ist eine Wahl wie beispielsweise die von Bertrand Russell ein gutes Zeichen.

Der 5. Platz des hierzulande gänzlich unbekannten W.V.O. Quine lässt vermuten, dass studierte Philosophen an der Abstimmung teilgenommen haben, denen wir aber den Personenstatus – und damit die Stimmberechtigung – nicht aberkennen können, auch wenn sie den Kriterien Street Credibility und charttauglicher Humor nicht gerecht werden.

Ich überlege noch, ob ich eine kleine Reihe bspw. zu den Top 5 hier verbloggen sollte. Aber jedenfalls erst einmal vielen Dank fürs mitmachen! Ich hoffe, ihr seht wie ich vorrangig den Spaß in dieser Aktion. Lest mal wieder eure Philosophen – und ein paar weitere dazu.

1

Volker Gerhardt rezensiert Axel Honneths “Das Recht der Freiheit”

Volker Gerhardt rezensiert in der “Welt” Axel Honneths Buch “Das Recht der Freiheit”. Es sei ein “Ereignis in der Theoriegeschichte der Bundesrepublik. Hier kommt die Kritik nicht aus dem intellektuellen Off, hier wird nicht versucht, den Verhältnissen die Leviten zu lesen, sondern hier wird beschrieben, welche Entwicklung die Dinge im Gang der letzten beiden Jahrhunderte aus der Sicht der Soziologie genommen haben.

Honneths Buch stelle einen Paradigmenwechsel der Frankfurter Sozialkritik dar. Allerdings verkenne Honneth die “historische Rolle der Ideen, die unerlässlich sind, wenn es gilt, den Widerstand einer von puren Machtinteressen formierten Realität zu brechen.“. Die Wahrheit müsse man – so der Rezensent – nicht allein bei Hegel, sondern immer auch bei Kant suchen.

Links zu weiteren Rezensionen von Axel Honneths “Das Recht der Freiheit” finden sich hier.

.

. .

Umfrage: Welche Philosophen sind Euch wichtig?

Ohne Blabla direkt zur Umfrage

In den verschiedenen Beiträgen zur Netzkultur und Netzpolitik und Netzzukunft schimmert hier und da, mal mehr, mal weniger explizit durch, dass der Verfasser ganz bestimmte philosophische Vorlieben hat. Irgendein Buch oder eine Theorie liefert Inspiration, um neue Phänomene einzuordnen, zu systematisieren oder sonstwie zu behandeln.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es durchaus unterschiedliche PhilosophInnen sind, die bei verschiedenen Leuten eine Bedeutung haben. Mich würde interessieren, welche Philosophien in der Netzgemeinde eine besondere Rolle spielen, oder überhaupt den Hintergrund für eine Lebenseinstellung oder ein Weltbild abgeben. Deshalb hier diese Umfrage.

Sie richtet sich explizit nicht an die Fachphilosophen (die natürlich mitmachen dürfen), sondern an die Allgemeinheit. Die eine Gruppe hat sicher ganz andere Präferenzen als die andere – aber die Fachidioten stehen in diesem Special Interest Blog mal nicht im Vordergrund.

Bei der Auswahl musste ich mich schmerzlich auf 20 Personen aus der Philosophie beschränken, aber alle wichtigen Schulen oder Denkrichtungen der Gegenwart (ab 20. Jahrhundert) sollten vertreten sein. Bitte bedenkt auch, dass sich nicht alle Denker als Philosophen verstehen und folglich nicht in der Liste auftauchen. Es wäre doch einfach mal interessant, zu sehen, welche Bedeutung Philosophen heute haben. Deshalb teilt diese Umfrage bitte.
Es ist hoffentlich auch ein Spaß. Und ja – Mehrfachauswahl ist möglich.

Umfrage: