Postprivacy ist das Gegenteil von Philosophie

Seit wir das Read-Write-Web haben genießen wir die mittlerweile ausführlich beschriebenen Vorzüge der individuellen Kreativität und Kommunikation im Internet. In der Euphorie über diese Entwicklung wäre man vor einigen Jahren nicht auf die Idee gekommen, dass es später Leute geben wird, die recht grobe Vorurteile zu einer ziemlich ungelenken Konstruktion zusammenfassen, die sie als Internetphilosophie ausgeben, wie es Vertreter der “Postprivacy” tun. Und noch weniger hätte man geglaubt, dass solche spontanen, theoretisch wie historisch bedauerlich uninformierten “Theorien” Aufmerksamkeit finden.

Dabei ist eine klare Argumentationsstruktur für positive Thesen der Postprivacy auch mit viel hermeneutischem Aufwand und Wohlwollen nicht auszumachen. Die “Letztbegründung”, dass es sowieso unabwendbar so kommen werde (“friss! Ist eh alternativlos“), zeigt eindeutig, dass hier nicht philosophiert, sondern nebulös geahnt und gefühlt wird. An sich ist diese “Begründung” lediglich ein Hinweis darauf, dass hier ein affektiver Impuls den Wunsch zum Ausdruck bringt, Anerkennung dafür zu erhalten, dass man mit digitaler Technik im Alltag Umgang hat.

Für die Durchdringung des Alltagslebens durch das Internet zu argumentieren ist aber so sinnvoll, wie dafür zu kämpfen, dass Regen nass sein soll. Einen avantgardistischen Deutungsstandpunkt für die kulturellen Konsequenzen des Internet zu reklamieren, weil man mit Freunden ein Stück Technik benutzt, ist so überzeugend, als wollte man dem Rest der Welt das Gehen erklären, weil man einen bestimmten Sportschuh trägt. Und dass Alles sowieso so kommen werde ist ein rekordverdächtig unphilosophisches Argument. Verbunden mit dem Pathos, für die Durchsetzung dessen, was sowieso kommt, zu kämpfen, ist die “Postprivacy” – die um Verständnis dafür bittet, (noch) nicht definieren zu können, was “Post” und was “Privacy” ist – eine profunde Hirnverrenkung, einer Erweckungsreligion nicht ganz unähnlich. Da wird mit Zweiflern und Fragern auch nicht lange diskutiert. Eine zivile und sorgsame Diskussion und ein eigenes Bemühen um argumentative Sorgfalt erscheint aufgrund der Evidenz des eigenen Sendungsbewusstseins völlig überflüssig.

Postprivacy sagt mit vielen Worten wenig, vor allem nichts Konsistentes und nichts philosophisch Interessantes. Darüberhinaus lässt sie jede Sorgfalt – und allzuoft auch diskursiven Respekt – vermissen.

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4 thoughts on “Postprivacy ist das Gegenteil von Philosophie

  1. Pingback: Thorstena » Machen wir uns nichts vor XXXIII

  2. Postprivacy ist mehr digitaler Stammtisch als vernünftige Argumentation.

  3. Dann klär halt mal auf!
    Post-Privacy ist der Versuch einer Theoretisierung gesellschaftlicher Phänomene. Das geht doch schon Richtung Philosophie, oder?
    Was mich an dem ganzen interessiert, ist folgender Punkt: Das Internet ermöglicht zunehmend Interaktionsformen, die immer weniger an gesamtgesellschaftliche Diskurse gebunden sind (z.B. Tea Party). Damit werden gesellschafltiche Institutionen zunehmend delegitimiert. Ich weiß, das kommt jetzt etwas holprig, aber sich damit auf theoretischer Ebene auseinanderzusetzen halte ich für hochspannend. Wenn Du mspr0s Argumentation etwas hinzufügen kannst, oder klarmachen, wo grundlegend ein Problem ist, dann tus doch! Bitte!

    liebe Grüße

  4. Da sind so viele Prämissen in deinem Kommentar, die es schwer machen, darauf zu antworten. Diskussionen ums Internet gibt es schon lange (auch hier). Man hat die Postprivacy-Debatte mit einer Party verglichen. Vielleicht delegitmiert das gesellschaftliche Institutionen, vielleicht ist es auch einfach nur eine schlechte Party.

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