re:publica 2011 re:view – Teil 2: Für eine selbstkritische digitale Gesellschaft

  • I always say, don’t be a fan, be a critical reader.” (Christopher Hitchens)
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  • Ihr habt bis jetzt völlig versagt.” (Sascha Lobo)
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    re:publicaDie re:bublica 2011 ist gerade vorbei. Man liest, der Vortrag von Gunter Dueck über “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” sei der “mit Abstand beste Beitrag”. Superlative sind meistens so falsch wie ihr Gegenteil, denn natürlich ist das erstens unfair den anderen 299 Sprechern gegenüber und zweitens und vor allem auch sachlich falsch. Ich habe auch andere sehr gute Vorträge gehört, zum Beispiel (um nur einen zu nennen) Sandro Gaycken über “Cyberwar”.
    Man muss differenzieren können. Die Dinge haben mehr als eine Seite, und meistens fällt einem ein vernachlässigter Aspekt später einmal auf die Füße.

    Eines der Ideale der re-publica ist es, der Gesellschaft Perspektiven für das digitale Leben aufzuzeigen. Nehmen wir die Session “10 Jahre Blogs in Deutschland”. Jörg Kantel, Anke Gröner oder Don Dahlmann sind Beispiele dafür, wie man das Internet für sich nutzen kann. Interessant aber auch, wer nicht auf der Bühne sitzt. Blogger, die seit sieben, acht oder neun Jahren bei antville.org, blogger.de oder twoday.net sind (wieder nur Beispiele), und skeptisch auf alles Showartige und den Social-Media-Hype reagieren. Ohne das zu bewerten – man muss feststellen, diese Leute sind längst im digitalen Leben angekommen.
    Das Bloggen hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Vielleicht ist Twitter der Grund. Vielleicht aber auch die re:publica. Johnny Haeusler und sein Team machen einen hervorragenden Job. Sie halten die re:publica offen. Eine Business-Show ist das letzte, was sie wollen. Sie ist der beste Ort, um über den Nutzen des Internet für uns alle zu reden. Sascha Lobo hat zu Beginn seines diesjährigen Vortrags dezent darauf hingewiesen, was das Problem mit den Vorreitern der digitalen Gesellschaft ist: Grüppchenbildung, Im-eigenen-Saft-schmoren und Toleranzunfähigkeit. Was dagegen not tut: mehr Toleranz, bessere Kommunikation.

    Und mehr Selbstkritik, muss man hinzufügen. Zu sagen, dass die FDP doof ist, ist nicht besonders kritisch – das Wiederholen von Stereotypen ist keine Kritik. “Meine Zuhörer sind doof” oder “ich bin doof” sind dagegen schon ein Stück weiter. Natürlich bringt das nichts als Selbstzweck. “Dooffinden” ist vermutlich nicht einmal ansatzweise Kritik. Kritik muss schon reflektiert sein
    Ein Beispiel: nehmen wir doch einfach den Vortrag von Gunter Dueck. Er wünscht sich mehr Internet überall, sagt, das Wissen von Menschen wird nicht mehr gefragt sein, weil es im Netz ist, es wäre praktisch, wenn Steuerdaten und Krankheitsakten im Netz global zugänglich wären, damit man eine Sachbearbeiterin, die in meinen Daten “krankgeschrieben: ja” einträgt, einsparen kann. Integration der Systeme ist das Zauberwort. Ich habe genau das 10 Jahre beruflich gemacht – IT-Systeme integriert – und es hat sich in dieser Zeit mehr als eine Frage über den Zweck dieses technologischen Sachzwangs aufgetan. Der Vortrag von Dueck fand genau am richtigen Ort statt, da, wo all die Social Media Geeks sich austauschen. Jetzt müssen die Fragen gestellt werden: Brauchen wir das? Was davon brauchen wir, was nicht?

    Selbstkritik erledigt man nicht mit einem mal, sie gehört zum Leben. Die Zeiten, in denen man Vertreter missliebiger politischer Parteien verspotten konnte, weil sie jemanden brauchten, der ihnen das Internet ausdruckt, werden bald vorbei sein. Man wird die politischen Akteure nicht mehr zum Datenstrom tragen müssen, sie werden selber die Herde vor sich hertreiben. Daten sind Macht. Einen Kontrollverlust können wir uns nicht erlauben. Wer will sich schon in zehn oder zwanzig Jahren sagen lassen müssen, dass er damals sein Smartphone ein- und seinen Kopf ausgeschaltet habe?!

    2 thoughts on “re:publica 2011 re:view – Teil 2: Für eine selbstkritische digitale Gesellschaft

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