Skandal um die Zeitschrift SYNTHESE?

Ein Special Issue der Zeitschrift Synthese wird derzeit heiß diskutiert, insbesondere deshalb, weil es die Herausgeber für notwendig erachteten, einen Disclaimer zu dieser Ausgabe zu veröffentlichen. Ein Aufsatz dieser Zeitschrift kritisierte die epistemologischen Grundlagen des Intelligent Design, und wurde durch eine persönliche Attacke eines Vertreters dieser politischen Bewegung beantwortet. Die Reaktionen darauf im Internet sind zahlreich und vielfältig. Einer der Hauptkritikpunkte besagt, dass die Herausgeber durch ihren Disclaimer eine sorgfältige philosophische Position zugunsten einer zweifelhaften, politisch motivierten Attacke diskrediert haben. Möglicherweise ist dieses Blogposting bei New APPS einer guter Ausgangspunkt mit weiteren Links zu dieser Debatte.

Hier ein informatives Update.

Der nicht mehr neokonservative Francis Fukuyama

Francis Fukyama, der nach dem Ende des Sowjetmarxismus durch das (in der Regel von links wie rechts missverstandene) “Ende der Geschichte” bekannt wurde, hat vor einiger Zeit den Neokonservativen den Rücken gekehrt. Newsweek hat mit ihm über seine Gründe dafür und darüber gesprochen, wie er die aktuellen Entwicklungen der Weltpolitk sieht.

re:publica 2011 re:view – Teil 2: Für eine selbstkritische digitale Gesellschaft

  • I always say, don’t be a fan, be a critical reader.” (Christopher Hitchens)
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  • Ihr habt bis jetzt völlig versagt.” (Sascha Lobo)
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    re:publicaDie re:bublica 2011 ist gerade vorbei. Man liest, der Vortrag von Gunter Dueck über “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” sei der “mit Abstand beste Beitrag”. Superlative sind meistens so falsch wie ihr Gegenteil, denn natürlich ist das erstens unfair den anderen 299 Sprechern gegenüber und zweitens und vor allem auch sachlich falsch. Ich habe auch andere sehr gute Vorträge gehört, zum Beispiel (um nur einen zu nennen) Sandro Gaycken über “Cyberwar”.
    Man muss differenzieren können. Die Dinge haben mehr als eine Seite, und meistens fällt einem ein vernachlässigter Aspekt später einmal auf die Füße.

    Eines der Ideale der re-publica ist es, der Gesellschaft Perspektiven für das digitale Leben aufzuzeigen. Nehmen wir die Session “10 Jahre Blogs in Deutschland”. Jörg Kantel, Anke Gröner oder Don Dahlmann sind Beispiele dafür, wie man das Internet für sich nutzen kann. Interessant aber auch, wer nicht auf der Bühne sitzt. Blogger, die seit sieben, acht oder neun Jahren bei antville.org, blogger.de oder twoday.net sind (wieder nur Beispiele), und skeptisch auf alles Showartige und den Social-Media-Hype reagieren. Ohne das zu bewerten – man muss feststellen, diese Leute sind längst im digitalen Leben angekommen.
    Das Bloggen hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Vielleicht ist Twitter der Grund. Vielleicht aber auch die re:publica. Johnny Haeusler und sein Team machen einen hervorragenden Job. Sie halten die re:publica offen. Eine Business-Show ist das letzte, was sie wollen. Sie ist der beste Ort, um über den Nutzen des Internet für uns alle zu reden. Sascha Lobo hat zu Beginn seines diesjährigen Vortrags dezent darauf hingewiesen, was das Problem mit den Vorreitern der digitalen Gesellschaft ist: Grüppchenbildung, Im-eigenen-Saft-schmoren und Toleranzunfähigkeit. Was dagegen not tut: mehr Toleranz, bessere Kommunikation.

    Und mehr Selbstkritik, muss man hinzufügen. Zu sagen, dass die FDP doof ist, ist nicht besonders kritisch – das Wiederholen von Stereotypen ist keine Kritik. “Meine Zuhörer sind doof” oder “ich bin doof” sind dagegen schon ein Stück weiter. Natürlich bringt das nichts als Selbstzweck. “Dooffinden” ist vermutlich nicht einmal ansatzweise Kritik. Kritik muss schon reflektiert sein
    Ein Beispiel: nehmen wir doch einfach den Vortrag von Gunter Dueck. Er wünscht sich mehr Internet überall, sagt, das Wissen von Menschen wird nicht mehr gefragt sein, weil es im Netz ist, es wäre praktisch, wenn Steuerdaten und Krankheitsakten im Netz global zugänglich wären, damit man eine Sachbearbeiterin, die in meinen Daten “krankgeschrieben: ja” einträgt, einsparen kann. Integration der Systeme ist das Zauberwort. Ich habe genau das 10 Jahre beruflich gemacht – IT-Systeme integriert – und es hat sich in dieser Zeit mehr als eine Frage über den Zweck dieses technologischen Sachzwangs aufgetan. Der Vortrag von Dueck fand genau am richtigen Ort statt, da, wo all die Social Media Geeks sich austauschen. Jetzt müssen die Fragen gestellt werden: Brauchen wir das? Was davon brauchen wir, was nicht?

    Selbstkritik erledigt man nicht mit einem mal, sie gehört zum Leben. Die Zeiten, in denen man Vertreter missliebiger politischer Parteien verspotten konnte, weil sie jemanden brauchten, der ihnen das Internet ausdruckt, werden bald vorbei sein. Man wird die politischen Akteure nicht mehr zum Datenstrom tragen müssen, sie werden selber die Herde vor sich hertreiben. Daten sind Macht. Einen Kontrollverlust können wir uns nicht erlauben. Wer will sich schon in zehn oder zwanzig Jahren sagen lassen müssen, dass er damals sein Smartphone ein- und seinen Kopf ausgeschaltet habe?!

    re:publica 2011 re:view – Teil 1

    Republica
    Die re:publica 11 hat sich gelohnt. Es gibt, wie immer, positive und negative Dinge, die ja schon an verschiedenen Stellen erwähnt wurden. Ich denke, insbesondere das Raumproblem wird sich das Team zu Herzen nehmen (Update: erledigt :-) ). Aber es war bestimmt ein Riesenhaufen Arbeit, und die Leute vom Team vor Ort, also alle HelferInnen, denen ich begegnet bin, waren sehr hilfreich. Auf mich machte das einen menschlichen Eindruck – vielen Dank für Alles! Nettigkeit ist zwar extrem unnerdig, aber ohne steht man halt immer nur in kleinen Gruppen rum und pflegt seinen Dünkel – das sieht sehr unschick aus.

    Und eine Menge tolle Leute und interessante RednerInnen waren da. Es sind ja nicht allein auf Äußerlichkeiten abfahrende Nerds, die die re:publica bevölkern. Mein Tipp für solche Veranstaltungen ist immer, dass man sich nicht so sehr an der vorgeblichen Hippness von Irgendwas orientieren sollte, sondern sozusagen abseits davon mal genauer hinschaut – sowohl im Programm als auch auf den Fluren. Es müssen nicht immer nur die Key Notes sein.
    So habe ich eine ganze Reihe richtig hervorragender Vorträge gehört, und da ich nur anderthalb Tage da war und mich nicht teilen kann, nehme ich an, dass da noch viel mehr im Programm steckte. Jeanette Hoffmann über “Google Books”, Julia Probst bei “Blogger_Innen im Gespräch”, Sandro Gaycken über “Cyberwar”, der von Carolin Buchheim geleitete Workshop über Online-Lokaljournalismus mit Rainer Kurlemann und anderen – das waren einige der Sessions, aus denen ich klug wurde.

    Die re:publica ist ja ein Versuch, den Spagat zwischen Nerdtum, Business und soziokulureller Realität aka Alltag hinzubekommen. Da gibt es immer Spezialisten, die glauben, es sei ihr Terrain, und insofern ist diese breite Mischung als Korrektiv natürlich gut. Wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden. Themen-Pächter und Alleinvertreter haben ja immer etwas Päpstliches, das glücklicherweise von der demokratischen Realität überholt wird.

    Erstaunlich, wen man so alles kennenlernt. Auf der re:publica bin ich nicht drauf gekommen, woher ich Dan Racek kenne (jetzt weiß ich es: Google Buzz), mit dem ich Würstchen und Kartoffelsalat gegessen habe, und der irgendwas mit Marketing oder so macht, aber beim Essen jedenfalls eine philosophische Ader zu haben scheint. Beim Smalltalk mit Lisa Peyer haben wir beide festgestellt, dass wir bei unseren thematischen Interessen doch unsere Vorträge gegenseitig hätten besuchen müssen; ist fürs nächste Mal vorgemerkt. Und am letzten Tag hat es dann endlich geklappt, den geschätzten und sehr angenehmen Thorstena in Ruhe zu treffen, der sich zum Glück nach meinem Vortrag am Donnerstag schon kurz zu erkennen gegeben hatte.

    Mit meiner eigenen Session bin ich sehr zufrieden. Nachdem ich die Bestätigung für den Termin erst sehr kurzfristig bekommen habe (danke an Anne vom Team für die Infos), fiel die Vorbereitung etwas knapp aus (ich hatte zuvor Unmengen an Material weggeschrieben, aber noch nicht in Form), und ich konnte nicht recht einschätzen, was das Publikum von einem Ausflug in die Philosophie halten würde. Aber das Interesse während und das umwerfende positive Feedback nach der Veranstaltung haben mich beruhigt – es war wohl wie erhofft ganz informativ. Die Präsentation wird demnächst hier und wohl auch auf der re:publica-Seite zu sehen sein.

    In der Oranienburgerstraße, unweit des Tagungsortes, habe ich dann noch eine sinnreiche Location gefunden, die geeignet erscheint, die Platzprobleme der diesjährigen re:publica aus der Welt zu schaffen: das ehemalige Haupttelegrafenamt Berlin, das ohnehin derzeit ungenutzt ist und im Keller nach wie vor die Reste der einst größten Rohrpostanlage Deutschlands beherbergt. Das passt thematisch natürlich glänzend. Und vielleicht ließe sich die Anlage reaktivieren, um Engpässe im WLAN zu umgehen!

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    Martha Nussbaum über die Vervollkommnung menschlicher Fähigkeiten im Liberalismus

    In der neuen Ausgabe von “Philosophy & Public Affairs” (vol. 39, no. 1, 2011) ist ein Aufsatz von Martha Nussbaum mit dem Titel “Perfectionist Liberalism and Political Liberalism” erschienen (kostenlose Registrierung erforderlich). Einen Auszug davon gibt es bei Political Theory, wo auch auf diese frühe Fassung von Nussbaums Artikel hingewiesen wird.

    Perfektionistische Ethiken für den Liberalismus sind von vielen Autoren, etwa John Stuart Mill (in Anschluss an Wilhelm von Humboldt), Isaiah Berlin, John Rawls, Joseph Raz oder Charles Larmore, vorgeschlagen oder diskutiert worden. Sie vertreten eine umfassende Auffassung des menschlichen Lebens nicht nur für den politischen Bereich, sondern für das menschliche Verhalten generell. Nussbaum favorisiert gegen Joseph Raz eine Form des “Politischen Liberalismus”, wie er auch von Charles Larmore und John Rawls vorgestellt wurde. Andererseits haben Raz und Susan Moller Okin gegen Rawls darauf hingewiesen, dass es auch erforderlich sei, fundamentalistisch-religiöse, rassistische oder sexistische Auffassungen in der Gesellschaft loszuwerden. Deshalb wünscht sich Nussbaum, dass die Debatte zwischen politischem und umfassendem Liberalismus weitergehe.

    Cloud Computing und die Philosophie des Vertrauens

    Die Faculty of Philosophy der University of Cambridge hat am 4. und 5. April mit Unterstützung von Microsoft Research Cambridge zwei öffentliche Vorlesungen zum Thema The Philosophy of Trust and Cloud Computing veranstaltet (via). Referenten waren David D. Clark vom MIT und der Moralphilosoph Ian Kerr.
    Kerr hat sich in den letzten Jahren mit den ethischen Aspekten von Überwachung, Privatsphäre und Robotik beschäftigt.

    Praktisch denken

    In einem neuen Artikel bei “Metaphilosophy” konstatiert Philip Kitcher, dass die zeitgenössische (englischsprachige) Philosophie in einer Art scholastischer Selbsthingabe um sich selbst kreise. Es sei aber Aufgabe der Philosophen, sich mit Themen zu beschäftigen, die in der Gegenwart aktuell sind. [via Leiter Reports, interessante Kommentare]

    Diese Frage lässt sich natürlich auch für die deutschsprachige Philosophie aufwerfen, und sie wird ja auch immer mal wieder diskutiert. Kitchers Darstellung scheint mir zutreffend zu sein. Er weiß wovon er spricht. Und meines Erachtens betrifft dies nicht nur eine “Schulrichtung”.

    Tatsächlich gibt es natürlich Philosophen, die sich mit aktuellen Fragen der Zeit beschäftigen. Und es ist natürlich auch richtig, dass sich Philosophen mit Spezialfragen ihrer Disziplin beschäftigen müssen. Außerdem ist es auch so, dass die Öffentlichkeit nicht immer Beiträge von Philosophen zu Fragen der Zeit zur Kenntnis nimmt, sei es, weil sie nicht den Moden des Zeitgeistes entsprechen, oder weil sie in den betreffenden Debatten von schrillen Polemiken übertönt werden, die ja oft wirkungsvoller sind.
    Es wäre schon Einiges gewonnen, wenn die Philosophen innerhalb ihres Faches häufiger Standpunkte zu aktuellen Fragen der Zeit diskutieren würden, in der Hoffnung, dass sich daraus Übersichten und Kommentare ergeben, die ein breiteres Publikum mit Argumenten versorgen.

    Einen übrigens recht konkreten Artikel zu brennenden Fragen der Zeit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bei Vanity Fair veröffentlicht. Er kritisiert darin die krasse Ungleichheit in den USA, die, gestützt auf unzutreffende Argumente, durch die Politik verstärkt werde. Doch Stieglitz hält diese Ungleichheit für zerstörerisch.

    Vielleicht sollten Philosophen auch häufiger mal bei Brigitte oder Schöner Wohnen schreiben.