Wir sind Experten genug

Es muss endlich Schluss sein mit der expertokratischen Pseudodebatte* um die Nutzung der Kernenergie. Die Arroganz der Ingenieure baut damit einen Schutzwall auf, der suggerieren soll, dass Menschen ohne Diplom in Reaktortechnik zu einer ethischen Beurteilung nicht befugt sind. Kein Mensch braucht noch mehr Wissen über kerntechnische Anlagen, Kernphysik und Strahlenmedizin. Die ethische Beurteilung der Kernenergie kann längst vorgenommen werden, denn die prinzipiellen Eigenschaften des manipulierten Materials und seine biologischen Auswirkungen sind jedem Schulkind bekannt.

Dass die Betreiberfirma von Fukushima Mitarbeiter vom havarierten Reaktor abgezogen hat – wegen der Gefahren für die Mitarbeiter – und der japanische Premierminister Kan dies nicht hinnehmen möchte – wegen der Gefahren für die japanische Bevölkerung – ist eine Nachricht, deren Hintergrund jeder Mensch intellektuell versteht:

Kan … reportedly warned Tepco of serious consequences should it decide to pull its workers out before the plant has been made safe. ‘In the event of a withdrawal, I’m 100% certain that the company will collapse,’ he said. ‘You must be determined to solve this.’” (Quelle: Guardian)

Aber vielleicht möchte ja Josef Oehmen, der nach eigener Aussage in einem einzigen Text mehr Sachverstand zusammenbringt “als alle Journalisten der Welt zusammen”, in Fukushima aushelfen?
(Der Text von Oehmen ging mit viel Zustimmung durchs Internet, mittlerweile ist er auf der ursprünglichen Seite gar nicht mehr und an anderen Stellen nur noch in veränderter Form zu finden. Ich habe mich im Update zu diesem Posting schon dazu geäußert.)

(Mehr zur dringend erforderlichen Rationalität in der Debatte in den Kommentaren)

*: hier stand zuvor ein Wortdreher, so ist es nun richtig.

7 thoughts on “Wir sind Experten genug

  1. “Es ist gut, nun die denkbar größte Kraft zur Kontrolle der Welt an die ganze Menschheit zu übergeben, damit sie nach ihren Erkenntnissen und Werten damit verfährt.”
    Robert Oppenheimer gesteht sich am 2.11.1945 ein, dass er – stellvertretend für die Naturwissenschaften – die ethischen Probleme, die mit dem Bau und dem Einsatz der Atombombe zusammen hängen, nicht allein erfassen kann – und “übergibt” diese deshalb an die Öffentlichkeit.
    Sprich: Vielleicht sollten sich einige Ingenieure mal mit der Geschichte ihres Faches beschäftigen.

  2. Ganz ähnliche Entwicklungen und Reflexionen findet man ja auch bei Einstein und Carl Friedrich von Weizsäcker.
    Außerdem ist es ja gar nicht so, dass die Debatte von den Anwendern der Kerntechnik rational geführt würde: der ethischen und ökonomischen Bewertung weichen sie ja ständig aus. Wie werden denn die Kosten für den Rückbau von Kernkraftwerken und die Lagerung des Materials finanziert? Wie sieht das in 100 oder 200 Jahren mit der Finanzierung aus? Dazu gibt es weder Konzept noch Kommunikation.
    Kernenergie ist geradezu ein Paradigma für Irrationalität.

    Update:
    “In seiner Einleitung vom 30.11.1985 zum Buch „Die Grenzen der Atomwirtschaft“ von Klaus Meyer-Abich und Bertram Schefold formuliert der 73-jährige von Weizsäcker, wenige Monate vor der Tschernobyl-Katastrophe vom April 1986 seine Abkehr vom Befürworter der Kernenergie und seine Hinwendung zur Sonnenenergie und zum Energiesparen:
    „Unterdessen hat, wenn ich richtig sehe, die Technik der Solarenergie Fortschritte gemacht, die sie als hauptsächliche Energiequelle des kommenden Jahrhunderts möglich erscheinen lassen. Der Pfad S dieser Studie ist dann, technisch gesehen, keine Träumerei; und sozial ist er vorzuziehen. ….. Unter dieser Voraussetzung trete ich nunmehr entschieden für Sonnenenergie als hauptsächliche Energiequelle, unterstützt durch technisch ermöglichte Energieeinsparung, und gegen die Entscheidung für Kernenergie als Hauptenergiequelle ein“.” [von hier]

  3. Pingback: Thorstena » Machen wir uns nichts vor XL

  4. Als Kommunikationsforscher hat mich die Geschwindigkeit mit der dieser Artikel vom Öhmen verbreitet wurde, etwas stutzig gemacht. Da brauch ich kein Ingenieur zu sein, da hat die Sozialwissenschaft gereicht, hier nichtorganisches Wachstum zu unterstellen – für ein neues Blog so schnell traction zu bekommen ist schon ein black swan event. Mittlerweile hat sich der Verdacht des astroturfings deutlich erhärtet, ich war nur zu faul, selbst mit reverse lookup zu suchen, wer alles am Seeding beteiligt war. Siemens spielt da keine geringe Rolle. http://ow.ly/4eFtp

    Ich kauf den Ingenieuren auch gerne ab, dass ich bei Kraftwerkstechnik nicht durchblicke. Was Ingenieuren allerdings bei der Berechnung ihrer Risikoszenarien scheinbar immer wieder völlig abgeht, ist soziologische (meinetwegen auch ökonomische) Expertise. Die Fehlerwahrscheinlichkeit, mit der sich black swan events durch menschliche Interaktion erhöht, ist ja nun auch gewissermaßen vorhersagbar, so in statistischen Größenordnungen und funktionalen Kategorien.

    Kein Zufall, dass ein Kraftwerk kurz vor seiner Abwicklung nicht mit teurem Geld von der Betreiberfirma im besten Zustand gehalten wird. Kein Zufall, dass Profitstreben sich ab und zu jenseits der Grenze des legalen bewegt und Sicherheitskonzepte hinfällig macht. Kein Zufall übrigens auch, wie Gruppendenken zu systematischen Grenzüberschreitungen führt.

    Allerdings braucht man da nicht unbedingt auf Ingenieure im allgemeinen schimpfen, nicht wenige sehen das ganz ähnlich. Einige Kraftwerkstechniker arbeiten sogar für die Hippiebranche. Es ist vielmehr die Machtverteilung der beteiligten Interessenvertreter, die für das Ausmaß der Irrationalität sorgt. Irrational choice eben, wie Schumpeter sagen würde. Kapitalismus.

  5. Der Link funktioniert (derzeit?) nicht, aber hier scheint es eine Kopie zu geben.

    Es gibt ja noch mehr solcher bemerkenswerter Quellen, und ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, warum die bei wichtigen und sonst kritischen Bloggern immer wieder zitiert werden, wie – um nur ein Beispiel zu nennen – bei Nerdcore. Der Oehmen-Text schießt schon den Vogel ab, aber auch das hier scheint mir nicht sehr durchdacht zu sein. Scheinbar sachlich, aber doch mit einer bemerkenswerten Realitätswahrnehmung ist dieser Text. Im gleichen Tenor, nur noch ein wenig … äh … pointierter ist dieses Glanzstück.

    Zweifellos muss man die Kernenergie rational bewerten. Das geschieht in diesen Fällen aber nicht oder nur sehr unvollständig. Die irrational ausgeblendeten (oder absichtlich vernebelten) Aspekte habe ich in den vergangen Tagen hier ja angemerkt, und viele sachkundige Andere haben das ausführlicher und besser schon lange getan.

  6. Die Anziehungskraft des Artikels wirkt gleich doppelt, ich kann schon gut verstehen, warum der so weit verbreitet wurde und habe ja selbst in einem Kommentar auf der Kontextschmiede verarbeitet, dass sich viele Leute einfach nach einer Autoritären Stimme sehnen, die ihnen sagt, das alles gut wird. Exzellent gemacht von den Siemensleuten, hier eine Human-Interest-Story als Rahmenhandlung zu nehmen, vom armen Lehrer im japanischen Ausland, der einen Freund um Aufklärung bittet. Das kann sogar der Wahrheit entsprechen, irgendwo wird sicher jemand seinen Ingenieursfreund angerufen haben, der Kontakte zur Energiewirtschaft hat. Weil man außerhalb der Evakuierungszone ohnehin dringendere Probleme hat (ich habe Freunde in Japan, mit denen ich mich darüber austausche) bringt es auch gar nix, sich jetzt noch über verdammte Strahlung aufzuregen. Zumindest noch nicht.

    Der zweite Punkt, der diese Botschaft so anziehend macht, ist das Phänomen der Assoziation mit der Aufklärungsrationalität. Die Ermächtigung des Über-den-Dingen-stehens mit der behaupteten Überlegenheit des kritischen Geistes. Ironischerweise hätten wirklich kritische Geister sich die Quelle mal genauer angeschaut, aber wir sind halt alle Menschen, selbst Leute aus der Kommunikationsbranche fallen noch auf ihres gleichen rein, wenn sie nur glauben wollen. Der aufgehende Stern am Wissenschaftsjournalismushimmel Ed Yong antwortete mir, als ich ihn darauf hin wies, dass er da einer fragwürdigen Quelle mit seinem Tweet weitere Autorität verleihe: Er habe das wegen der Fülle an Fakten verbreitet, über die Plausibilität der Vorhersage (alles wird gut) solle sich jeder selbst ein Bild machen. In diese Honigfalle des Besserwissens, der Zugehörigkeit zur Gruppe derjenigen, die sich über die Hysterie “der Medien” erheben, tappen auch kritische Geister.

    Ganz zu schweigen von Leuten wie der Achse der Blöden, die ihre ideologische Verblendung auch noch zum Skeptizismus erklären. Als Skeptiker (na ja, kritischer Rationalist) könnte ich mich den ganzen Tag beschäftigen, die stirnförmige Kuhle in meiner Tischplatte zu vertiefen.

  7. Pingback: Thorstena » Zurück zu den Dingen

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