Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

2 thoughts on “Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

  1. als nach digitalien emigrierter geisteswissenschaftler (habil.) erscheint mir das problem eher in der abwesenheit jeglicher ernsthafter inhaltlicher debatte zu liegen.

    entweder wird alles, das nicht zum eigenen schrebergarten passt, pauschal (d.h. ohne eingehende debatte) abgetan. oder im namen der wischiwaschi-methodenpluralität wird alles von der eigenen position abweichende höflich-desinteressiert als “auch irgendwie interessant” zugelassen und zugleich abgeschrieben.

    beides ist ungefähr gleich schlimm.

    resultat: die geisteswissenschaften (akademischer flügel) sind m.e., alles in allem genommen, intellektuell bankrott. sie haben der gesellschaft nichts mehr zu sagen.

  2. Wirklich einigermaßen gut weiß ich nur über die Philosophie bescheid, zu einigen anderen Disziplinen habe ich zwar eine Meinung – würde mich da aber lieber doch nicht festlegen. Den Wischiwaschi- und Ignoranzverdacht könnte ich mangels Gesamtüberblick wohl nur unvollständig rechtfertigen.
    In der Philosophie jedenfalls gibt es durchaus sehr gute und brauchbare Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte.
    Ein anderes Problem ist, dass gute oder schlechte Beiträge im Verdauungstrakt der Öffentlichkeit durchaus unvoraussagbare Wirkung entfalten – die gesellschaftlich hippen Thesen sind nicht immer das, was sich in der akademischen Disziplin bewähren würde. Insofern wäre ein besseres allgemeines Argumentationsniveau sehr hilfreich.

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