Reinhard Brandt berichtet vom abgesagten Weltkongress für Philosophie

In der FAZ berichtet Reinhard Brandt von seiner Teilnahme am Philosophiekongress in Teheran, der zunächst von der UNESCO als Weltkongress für Philosophie angekündigt und dann schließlich nach Protesten von Exiliranern und Intellektuellen als solcher wieder abgesagt wurde.

Webintelligenz

Thorstena fragt sich zurecht, ob wir eine Webintelligentsia haben. Ich war da immer optimistisch, was die Möglichkeiten des Mediums angeht. Beim Ist-Zustand in Deutschland kann ich allerdings mit Blick auf die von Thorstena Genannten Habermas’ Skepsis nachvollziehen. Was da auf den kleinräumigen virtuellen Trampelpfaden an intellektueller Orientierung geboten wird, lässt sich in etwa so zusammenfassen:

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Stasi-IM am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung

Ein langjähriger Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden soll zu DDR-Zeiten als IM der Stasi Informationen beschafft haben. Dabei soll er auch, wie die NZZ berichtet, “einen Doktoranden der Philosophie wegen seines Abgleitens in subjektiven Idealismus denunziert” haben. Das Kuratorium des Instituts wird sich am Dienstag mit der Angelegenheit befassen. Vorwürfe gegen den Mitarbeiter und Verantwortliche werden von verschiedenen Seiten laut. Nach einem Bericht der WELT brachte ein “mit ehemaligen MfS-Kadern gut vernetzter” Altstalinist den Fall ins Rollen, als er aus Ärger über Äußerungen des Institutsmitarbeiters einen “Drohbrief” an das Institut geschrieben haben soll.

Hacker-Kritik an Neurowissenschaftlern

Der für seine Studien zu Wittgenstein bekannte und in Oxford lehrende Philosoph Peter Hacker wird im Philosopher’s Magazine porträtiert. Darin geht es um Hackers Kritik an philosophischen Einlassungen von Neurowissenschaftlern, die meistens Unsinn seien – worin er mit vielen anderen Philosophen (wie beispielsweise Peter Bieri und Ernst Tugendhat) übereinstimmt. Außerdem betrachtet Hacker die Philosophie nicht als kognitive Wissenschaft in dem Sinn wie es die Naturwissenschaften seien, die gesichertes Wissen anstreben. Philosophie befasse sich dem gegenüber mit dem Verständnis unserer Wissens: “philosophy is not a quest for knowledge about the world, but rather a quest for understanding the conceptual scheme in terms of which we conceive of the knowledge we achieve about the world.

Ein Interview zu Hackers Kritik an den Neurowissenschaften ist auf deutsch auch bei Gehirn & Geist online nachzulesen.
Auf deutsch ist zuletzt bei Suhrkamp “Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache” erschienen: eine Auseindersetzung um die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften zwischen Maxwell Bennett, Peter Hacker, John Searle und Daniel Dennett.

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Araucaria – Tool zur Argumentanalyse

Argunet von Gregor Betz – eine Software zur Rekonstruktion und Visualisierung der Struktur von Argumentationen – habe ich schon erwähnt (hier und hier). Ein weiteres Argumentanalysetool ist Araucaria, dass ebenfalls zur Rekonstruktion dient und Argumente in Diagrammform stellt. Es wurde von Chris Reed and Glenn Rowe an der Universität von Dundee entwickelt.

Frust in der deutschen Internetdebatte

Die Debatten in deutschen Weblogs über die sozialen und kulturellen Implikationen des Internet laufen oft auf einem frustrierenden argumentativen Niveau, auf dem “Arschloch” symptomatisch für den Stil der sachlichen Auseinandersetzung und der menschlichen Anerkennung von Diskussionsteilnehmern ist. Die Auffassung, dass das Gift der Polemik erforderlich ist und zur Klärung eines Sachverhaltes beiträgt, ist bedauerlicherweise verbreitet. Natürlich ist diese Auffassung sachlich und moralisch falsch. Auch psychologisch scheint es nachgewiesen zu sein, dass ausgewogene Argumente, die die Gegenpositionen angemessen darstellen, wirkungsvoller als polemische Verzerrungen sind.

Update: Anderswo geht es ja auch: Gastautor William B. Irvine plädiert auf Boing Boing für einen “Insult Pacifism” [via Philoblog]. Derzeit habe ich noch einen Beitrag in Arbeit: in der amerikanischen Bildungsdebatte plädiert Martha Nussbaum für faire Argumente und eine entsprechende kulturelle Ausbildung, um nicht auf das Niveau rechtspopulistischen Geiferer a la Fox News zurückzufallen.

Seneca fürs 21. Jahrhundert

Seneca und Stoizismus waren immer schon vergleichsweise populär. Das Interesse an Seneca nimmt in den letzten Jahren wieder zu. Die Popmusiker von “Get Well Soon” setzen sich auf ihrem jüngsten Album “Vexations” (Affiliate-Link) mit Seneca und stoischen Auffassungen auseinander. Warum, wie das MTV-Blog berichtet, das “ein bisschen zu viel des Guten” sein soll und Konstantin Gopper, der für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, “aus der Kritik angesichts des intellektuellen Überbaus sicher lernen und beim dritten Album nicht ungefragt vorchristliche Theorien in die Runde pfeffern” wird, ist völlig unklar. In der Popmusik kann man jeden Scheiß machen, je bescheuerter desto publikumswirksamer, da sind Inhalte, die sich seit über 2000 Jahren in verschiedensten Situationen bewährt haben, definitiv nicht verboten.

Auch Mark Frauenfelder auf Boing Boing sieht das so, und rezensiert zustimmend das neue Buch von William B. Irvine, “A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy“, (Affiliate-Link) erschienen bei OUP. Anschließend schrieb Irvine auf Boing Boing eine dreiteilige Serie über seine stoische Alltagspraxis.
Als Philosoph mag man Details von Irvines Stoainterpretation prüfen, oder fragen, wo die stoische Philosophie ergänzungsbedürftig ist, wie dies bspw. Martha Nussbaum in ihren Büchern in fairer Weise tut. Als Einstieg in eine solche philosophische Haltung, und als lebenspraktische Reflexion, sind die Beiträge jedenfalls gut geeignet. Deshalb: mehr davon!

Hier die Beiträge von William Irvine auf Boing Boing: Stoizismus für das 21. Jahrhundert:
Teil 1: Twenty-First Century Stoic — From Zen to Zeno: How I Became a Stoic
Teil 2: Twenty-First Century Stoic — Insult Pacifism
Teil 3: Twenty-First Century Stoic — Stoic Transformation

Update: Auf der Webseite von Get Well Soon gibt es 6 Stücke des neuen Albums als Konzertmitschnitt kostenlos zum Download. [via Spreeblick]

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Intelligentes Leben

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Martha Nussbaum hält Ratzingers Äußerung zum Relativismus für falsch

Anlässlich des Erscheinens der italienischen Übersetzung von Martha Nussbaums Buch “Upheavals of thought” (Affiliate-Link) führte Vera Fisogni ein Interview mit der Philosophin Martha Nussbaum (hier abrufbar).
Darin wird auch Ratzingers Kritik des “westlichen Rationalismus” als angebliche Ursache des Relativismus angesprochen. Nussbaum erwidert, dass sie Ratzingers Diagnose für falsch hält.

Fisogni: “The origin of ethical relativism, according to the Pope Ratzinger, belongs to the development of modern Western thought. …”

Nussbaum: “I don’t think he is correct about relativism; it has many origins in many different ethical traditions. And I don’t think that the Western philosophical tradition has typically separated rationality from emotion. … it would be wrong to call Hume a relativist, and just as wrong to call William James a relativist. So I don’t see any interesting connection between these two issues.”

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