Die digitale Identität hat sich nicht nur aufgelöst, das Konzept selbst ist ein Irrtum, wenn nicht bedeutungslos. Bei Derrida ist die kulturelle Narration ein Mittel, soziale Klasse zu lesen und aufzuheben. Das gilt um so mehr, insofern man den präsemantischen Diskursbegriff über Bord wirft. Rekonstruiert man das Subjekt unter Bedingungen der digitalen sozialen Vernetzung, so muss man zuvor die Illusionen der subkapitalistischen Kultur als atomare Figuren der Sublimation und der Abgrenzung semantisch nachschärfen. Erst eine Neosublimation wird der Rolle des digitalen Subjekts als eines kreativen Nodes gerecht, das seine kontextualisierten Motive ihm Rahmen einer kollektiven Intelligenz aktualisiert. Es kann sie nach außen verlagern, ohne dies als konzeptionellen Verlust der Autorschaft seiner Narration zu erleben. Das “Ihr” und das “Außen” hat keine Grenzen mehr zum “Ich” und zum “Innen”, die Differenz entfaltet sich in digitalen Netzen als postliberales Universum der freigesetzten Möglichkeiten. Es entsteht eine Dynamik, in der Kommunikation unter Zwängen von Macht überführt wird in die raison d’etre des Diskurses und seiner Teilnehmer, in einen erweiterten, postmaterialistischen Identitätsbegriff. So lässt sich das Paradigma von sozialdigitaler Realität heute auch jenseits der Absurdität Sartres denken, die – noch vor Baudrillard – der adäquate Ausdruck der Angst vor der Simulation war, deren zentrifugale Auswirkungen aber heute emanzipatorisch eingeholt und als distribuierte Realität sozusagen verflüssigt werden. Das Signifikat ist damit selbst zum Ursprung des Immerneuen geworden. Sofern das digitale Subjekt dies “nach innen” holt, tritt es als bewegter Beweger in einen Diskurs mit dem Außen, aus dem sich die neuen Substrate einer Identität und einer kollektiven, vielschichtigen Narration eines überindividuellen Subjekts ausbilden, die entlang der Signalwege von Myriaden von Netzknoten je einmalige Instanziierungen darstellen, denen der Identitätsbegriff nicht mehr gerecht wird.
Identität als postdialektisches Paradigma des digitalen Kontexts
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#1 by Thorstena on 2010/04/15 - 12:57 pm
Hallo Björn,
um das zu verstehen, bräuchte ich eine Flasche Rotwein (sofern man verstehen soll – siehe “Filed unter Humor, Internet”). Den Satz “Rekonstruiert man das Subjekt unter Bedingungen der digitalen sozialen Vernetzung, so muss man zuvor die Illusionen der subkapitalistischen Kultur als atomare Figuren der Sublimation und der Abgrenzung semantisch nachschärfen” würde ich aber auch nüchtern unterschreiben. :-)
Gruß,
Thorsten
#2 by Björn on 2010/04/15 - 1:53 pm
Da mein Text am Morgen nach einer Flasche Rotwein geschrieben wurde, hast du die Bedingungen der gelingenden Verständigungen richtig erfasst. Vielleicht sollte ich das noch in den Text einarbeiten?
Ich verdanke viele Anregungen übrigens diesem Text.
Jedenfalls auf dein Wohl! :-)
#3 by Hannes Jähnert on 2010/04/24 - 1:04 pm
Egal unter welcher Kategorie es veröffentlich wurde: Ich vestehe es nicht. Ist wohl auch nicht dein anliegen.
#4 by Björn on 2010/04/24 - 1:16 pm
Hallo Hannes, ich glaube, du hast das schon ganz richtig verstanden. Es macht leider immer noch zuviel Eindruck, wenn unverständliches, gestelztes, aufgeblasenes Zeug geschrieben wird, das die Dinge unnötig kompliziert macht. Davon findet man in der Debatte über das Internet eine ganze Menge. Und dies ist mein Beitrag dazu.