Spiegelneurone – real oder Religion?

In der Debatte um die Existenz von Spiegelneuronen hat es neue interessante Beiträge gegeben.

Eine Studie stellt fest, dass Spiegelneurone in mehreren Bereichen des menschlichen Gehirns vorkommen sollen:
Is this the first ever direct evidence for human mirror neurons?

Demgegenüber ist Greg Hicock der Auffassung, dass die Theorie der Spiegelneurone unfalsifizierbar ist. Er zitiert Patricia Churchland, die in einer Diskussion über dieses Thema gesagt haben soll: “If mirror neurons are all over the brain then don’t they lose their explanatory power? Aren’t we now just back to our old friend, the How Does the Brain Work Problem?”:
Mirror Neurons – The unfalsiable theory

Der Neurocritic greift diese Position auf und führt sie weiter:
Mirror Neurons Join Marilyn Monroe Neurons and Halle Berry Neurons in the Human Hippocampus

Cinematischer Journalismus

Bei Marcus Bösch habe ich den Hinweis auf eine Debatte um eine neue journalistische Darstellungsweise gefunden: Cinematic Journalism. Was das genau ist, ist Gegenstand der Debatte, aber Marcus Bösch zitiert ein paar Kriterien: “no interviews, no voiceovers, no commentary, and no context.” Ausgangspunkt ist dieses Video von den Zerstörungen in Haiti nach dem Erdbeben:

Haiti Earthquake Aftermath Montage from Khalid Mohtaseb on Vimeo.

Rechenmaschinen

Das Internet ist eine großartige Schatztruhe. Heute habe ich mich auf Seiten zu Rechenmaschinen getummelt. Sie bieten einen Überblick über die faszinierende Gabe der Menschen, ebenso faszinierende Hilfsmittel für Denkoperationen zu erfinden. Auf Rechenmaschinen Illustrated und bei Mechanische Rechenhilfsmittel bekommt man einen Einblick in die Geschichte der Rechenmaschinen. Erstere basiert auf dem Standardwerk zum Thema: Ernst Martins “Die Rechenmaschinen” (1925). Und es gibt zahlreiche weitere Seiten zu diesem Thema im Internet.

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Blackburn rezensiert Collingwood-Biografie

Simon Blackburn rezensiert Fred Inglis’ Biografie “History Man: The Life of R.G. Collingwood”. Collingwood war ein brillianter Philosoph und Historiker, so Blackburn. Neben seinen bekannten historischen und philosophiegeschichtlichen Arbeiten sind seine philosophy of mind und seine philosophy of art bemerkenswert modern. Allerdings findet Collingwood in der heutigen Philosophie meist nur in Fußnoten Beachtung, was möglicherweise auch, so vermutet Blackburn, an seiner ostentativen Unbescheidenheit liegt (wie er im Vergleich zu Wittgenstein verdeutlicht).

Gegen ein relativistisches Argument in der Google-China-Affäre

In den Folien zu seinem re:publica-10-Vortrag “Das Internet ist dezentral. Und andere gefährliche Mythen” (zu finden auch bei Carta) schreibt Sebastian Deterding:

Umgekehrt wecken Googles Aktivitäten in China ein ganz anderes Unbehagen: Faktisch versucht hier ein US-amerikanisches Unternehmen einer souveränen Nation (China) technisch Werte und Normen vorzuschreiben.

Auch wenn man diese Behauptung im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung Google vs. China hier und da schon vernommen hat, so ist sie einfach Unsinn. Das eigentliche moralische Argument übergeh ich mal, weil schon auf der sachlichen Ebene einiges an dieser Darstellung schief ist. Denn zunächst einmal ist es Google unbenommen, sein Geschäft so zu betreiben, wie Google es für richtig hält. Und vom sachlichen Verlauf her war es China, das Google vorschreiben wollte, wie dies zu geschehen hat.
In Sebastians Bemerkungen zu den Folien, also seinen Argumenten, die sich ja den Gefahren einer Zentralisierung widmen, ist diese Behauptung nur schwer einzuordnen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum sie aufgestellt wird. Weil es schick ist? Oder politisch korrekt? Zu sehen, wie verbreitet ein solcher Relativismus ist, weckt ebenfalls Unbehagen. Soll man vielleicht annehmen, böse Monopole kommen zwangsläufig aus den USA? Wie müsste man sie bewerten, wenn sie aus China kommen? Diese Fragen sollen keine polemische Unterstellung einer Position sein, die Sebastian hätte, aber sie folgen aus einer so unglücklichen Behauptung, wie er sie aufgestellt hat.

Tim O’Reilly hat übrigens vor wenigen Tagen die “Cloud” aus seiner Sicht dargestellt, und formuliert gewissermaßen optimistisch die Bedingungen, die wir erfüllen müssen, damit wir das Monopolszenario vermeiden können. Er kommt dabei zu einer ganz anderen Einschätzung von Google, Microsoft und einigen anderen Größen, als ich das in deutschen Beiträgen bisher gefunden habe.

Update: Und prompt belehrt mich Johnny Haeusler erfreulicherweise eines besseren: “Zukunft gestaltet man, indem man sich bemüht, die denkbar beste Version davon vorzubereiten.

Peter Singer über Internet-Freiheit

In seinem Artikel “The Unknown Promise of Internet Freedom” plädiert Peter Singer für ein freies Internet. Australien will Internetsperren einführen. Eine Leserumfrage des Sydney Morning Herald zeigte, dass 96 % sich dagegen aussprachen und nur 2 % dafür. Die Umfrage hatte die größte Beteiligung aller bisherigen Umfragen der Zeitung, und das eindeutigste Ergebnis.
Der Umbruch durch das Internet sei vergleichbar mit dem, den die Dampfmaschine hervorgebracht hat. Sie schaffe eine Informationsfülle und Informationsfreiheit, die zuvor höchstens denjenigen zugänglich war, die auf eine große Bibliothek zugreifen konnten.

Simulation von Stadtentwicklung in SimCity 3000 mit vorkonstruierten Strukturen

Boing Boing hat ein pathetisches Video mit dramatisierender Musik ausgegraben, dass für den Kenner von SimCity 3000 aber von einigem Interesse ist, insofern hier Strukturen und deren Auswirkungen auf die Simulationsentwicklung untersucht werden. Das die Erläuterungen vom Enthusiasmus eines Technokraten gekennzeichnet sind, dürfte ersichtlich sein.

Marshall McLuhan über das globale Dorf

Marshall McLuhan hat schon in den 1960ern behauptet, dass die Welt mit den elektronischen Medien zum globalen Dorf wird, und viele kommunikationssoziologischen Implikationen daraus benannt. Bei seinen Erläuterungen in dem folgenden Video habe ich aber auch den Eindruck, dass er einige Seifenblasen produziert, mit denen wir uns auch in der Internetdebatte herumschlagen.

[via Open Culture]

Identität als postdialektisches Paradigma des digitalen Kontexts

Die digitale Identität hat sich nicht nur aufgelöst, das Konzept selbst ist ein Irrtum, wenn nicht bedeutungslos. Bei Derrida ist die kulturelle Narration ein Mittel, soziale Klasse zu lesen und aufzuheben. Das gilt um so mehr, insofern man den präsemantischen Diskursbegriff über Bord wirft. Rekonstruiert man das Subjekt unter Bedingungen der digitalen sozialen Vernetzung, so muss man zuvor die Illusionen der subkapitalistischen Kultur als atomare Figuren der Sublimation und der Abgrenzung semantisch nachschärfen. Erst eine Neosublimation wird der Rolle des digitalen Subjekts als eines kreativen Nodes gerecht, das seine kontextualisierten Motive ihm Rahmen einer kollektiven Intelligenz aktualisiert. Es kann sie nach außen verlagern, ohne dies als konzeptionellen Verlust der Autorschaft seiner Narration zu erleben. Das “Ihr” und das “Außen” hat keine Grenzen mehr zum “Ich” und zum “Innen”, die Differenz entfaltet sich in digitalen Netzen als postliberales Universum der freigesetzten Möglichkeiten. Es entsteht eine Dynamik, in der Kommunikation unter Zwängen von Macht überführt wird in die raison d’etre des Diskurses und seiner Teilnehmer, in einen erweiterten, postmaterialistischen Identitätsbegriff. So lässt sich das Paradigma von sozialdigitaler Realität heute auch jenseits der Absurdität Sartres denken, die – noch vor Baudrillard – der adäquate Ausdruck der Angst vor der Simulation war, deren zentrifugale Auswirkungen aber heute emanzipatorisch eingeholt und als distribuierte Realität sozusagen verflüssigt werden. Das Signifikat ist damit selbst zum Ursprung des Immerneuen geworden. Sofern das digitale Subjekt dies “nach innen” holt, tritt es als bewegter Beweger in einen Diskurs mit dem Außen, aus dem sich die neuen Substrate einer Identität und einer kollektiven, vielschichtigen Narration eines überindividuellen Subjekts ausbilden, die entlang der Signalwege von Myriaden von Netzknoten je einmalige Instanziierungen darstellen, denen der Identitätsbegriff nicht mehr gerecht wird.