Für eine Entmythologisierung des Internet

March 12, 2010 | Filed Under Internet, Kulturphilosophie, Technik | 3 Comments

Die Diskussionen um das Web 2.0 ziehen immer weitere Kreise. Debatten im Bundestag, Berichte in den klassischen Medien von Tagesschau bis Lokalzeitungen, Elternabende an Schulen, aber vor allem auch Diskussionen im privaten Alltag zeigen den großen Klärungs- und Informationsbedarf. Gefahren werden beschrieben, Inkompetenzvorwürfe ausgetauscht, Gesetze und Bildungsinitiativen für notwendig erklärt.
Man hört und liest viel von der Revolution des alltäglichen Lebens und der Medien durch das Internet. Die sogenannten Digital Natives, die Generation der unter 30jährigen, die mit Computer, Internet, MP3-Player und Digitalkamera aufgewachsen ist, werden abwechselnd als neue Vorbilder und als Opfer einer allumfassenden Abstumpfung und psychologischen Fehlentwicklung vorgestellt. An diesen Diskussionen ist Vieles interessant, Einiges wahr, und Manches überdreht und aufgeregt. Ich will hier eine Perspektive einnehmen, die nicht direkt dazu Stellung bezieht, sondern sich allgemeiner in soziokultureller und kulturphilosophischer Hinsicht mit der Bewertung des Internet als eines neuen Objekts und Werkzeugs für den Menschen beschäftigt.

Ich werde mich hier zunächst mit den praktischen Fragen des individuellen Verhaltens im Internet, also den moralischen Fragen im weitesten und ganz untechnischen Sinne, beschäftigen, um so die Voraussetzungen für meine Forderung zu entwickeln, dass wir das Internet entmythologisieren müssen.

1. Machen – Mitmachen – Aber wie?
Die neuen Möglichkeiten von Öffentlichkeit und Märkten sind für Viele überraschend, und man kann wohl zu Recht sagen, dass die Entwicklung in Deutschland von Manchen verschlafen wurde. Zwischen Entsetzen hie und Enthusiasmus da empfiehlt es sich aber, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Situation nüchtern zu bewerten.
Die Welt wird in nächster Zeit nicht wegen des Internet untergehen, die Kultur ist ebensowenig in Gefahr, aber auch ist niemand so von gestern, dass er das neue Internet nicht benutzen oder beurteilen könnte. Wer telefonieren oder einen Brief schreiben kann, der wird auch im neuen Internet zurechtkommen können. Es ist an der Zeit, das Thema zu entmystifizieren.

Auch wenn am Internet zunächst einmal alles neu und hochtechnisch erscheint – die prinzipiellen Möglichkeiten sind relativ einfach zu verstehen. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen, und einige einfache Regeln bei seinen Internetaktivitäten berücksichtigen. Die technischen Details kann man aus der Perspektive dieses Artikels durchaus vernachlässigen, denn dafür gibt es Experten. Sorgen wir dafür, dass sie sie prüfen und diskutieren können, und dass ihre Bewertungen Gehör finden. In welchem Lebensbereich ist man schließlich schon Experte? Etwa im Handels- oder Steuerrecht, in Fernmeldetechnik oder in Chemie? Diese Disziplinen haben erheblichen Einfluss auf unser Leben, und wir müssen uns darauf verlassen, dass Fachleute und gesetzliche Regelungen dafür sorgen, dass sie uns keine schwerwiegenden Probleme bereiten. Problemfälle bekommen öffentliche Aufmerksamkeit, und wir erwarten, dass dann gute Lösungen dafür gefunden werden.

Wodurch zeichnet sich das neue Web 2.0 aus? Es wurde treffend als Read-Write-Web, als Mitmachnetz (Affiliate Link Amazon) bezeichnet. Waren in der ersten Phase des Internet in den 1990er Jahren noch Fachkenntnisse erforderlich, um Inhalte ins Internet zu stellen, so hat sich das grundlegend gewandelt. Im Internet zu veröffentlichen ist so einfach wie E-Mail-Schreiben. Wer dies tut, muss sich allerdings eine Tatsache vor Augen halten: das, was im Netz veröffentlicht wurde, kann in aller Regel nicht mehr zurückgeholt werden. Man kann versuchen, einen Kommentar oder einen Beitrag zu löschen, aber sehr wahrscheinlich ist die darin enthaltene Information automatisiert auch in anderen Diensten, Archiven und Datenbanken gespeichert. Die Kontrolle darüber hat der Autor jedenfalls seit dem Augenblick nicht mehr, in dem er seinen Beitrag veröffentlicht. Möglicherweise hat ein anderer Internetnutzer ein Foto oder ein Video erstellt und ins Internet hochgeladen, in dem der eigene Artikel, Chatkommentar oder ein Portraitfoto zu sehen sind. Die Veröffentlichung im Internet ist nun mal potenziell zeitlich und räumlich unbegrenzt. Dies ist ein sowohl technisch als auch philosophisch interessanter Aspekt, mit dem wir uns aber nicht weiter aufhalten wollen. Beachten wir nur die unmittelbaren praktischen Konsequenzen. Ich möchte verdeutlichen, dass sie nichts prinzipiell Neues sind.
Man halte sich einfach das Beispiel von Felszeichnungen und -einritzungen aus der Frühgeschichte der Menschheit vor Augen. Sofern keine besonderen Umstände diese Mitteilungen zerstörten, waren sie für alle Welt über sehr lange Zeiträume wahrnehmbar. Im Internet hat man im schlechtesten Fall überhaupt keinen Einfluss mehr auf diese Umstände, die eine Mitteilung erhalten, verbreiten oder löschen – aber im Prinzip ist es das Gleiche.

In einer Hinsicht zeichnet sich das Internet aber besonders aus: der Autor einer „Mitteilung“ hat mit ihr eine Spur hinterlassen, und sofern er auch an weiteren Stellen im Netz aktiv war, können Computersysteme alle diese Spuren sammeln und bei Bedarf in einer Übersicht zur Auswertung bereitstellen. Ein „Werkverzeichnis“ des Autoren von Mitteilungen steht somit ungefragt und automatisiert zur Verfügung. Ob er Artikel über mittelalterliche Seefahrt geschrieben oder seiner Lieblingssängerin schmachtende Kommentare zu ihrem Musikvideo hinterlassen hat – oder, vielleicht noch aufschlussreicher, beides: dort Fachmann, hier Privatmann – der Algorithmus der Maschinen und beliebig große Datenbanken könnten all dies auf Knopfdruck gebündelt zutage fördern. Diese ungewollte Profilierbarkeit ist erschreckend. Deshalb muss man eine einfache Regel verinnerlichen, wenn man im Internet unterwegs ist: Alles dort ist im Prinzip öffentlich (auch ein passwortgeschütztes Forum bietet keinen prinzipiellen Schutz), deshalb sollte man sich so verhalten, als bewege man sich vor laufenden Kameras auf einer Bühne. Man weiß nicht, wer einschaltet, und der kleinste Ausschnitt könnte zitiert und wiederholt werden.
Philosophisch ist daran nichts schwierig, kulturell ist das prinzipiell nichts Neues. Seit Menschengedenken ist bekannt, dass man sich klug oder unklug in der Öffentlichkeit verhalten kann, dass es öffentliche Reputation gibt und ebenso Missbrauch öffentlicher Definitionsmacht. Deshalb muss man auf die neuen Techniken des Internet ein Auge haben, man muss Prinzipien diskutieren und sinnvolle Regelungen finden – aber eine geheimnisvolle Welt neuartiger virtueller Gesetzmäßigkeiten entsteht durch das Internet nicht.

Die Menschen haben schon andere revolutionäre Entwicklungen erlebt. Die früheste, tiefgreifendste und wunderbarste war die Entstehung der Sprache. Welche neuartigen Gegebenheiten mit ihrer Verwendung in die Welt kamen, diskutieren Philosophen – etwa Platon, Wittgenstein oder Popper – bis heute. Weitere Meilensteine der menschlichen Entwicklung sind der Ackerbau, die Entwicklung der Schrift, des Rades, des Geldes, der kodifizierten Gesetzgebung, der Nationenbildung, der Demokratie, des Buchdrucks und so weiter. Alle diese Entwicklungen haben einen weitreichenden sozialen und kulturellen Wandel ausgelöst. Es war immer wieder erforderlich, das Neue aufzunehmen, die Gegebenheiten zu bewerten und sie sinnvoll anzuwenden.
Der technologische und industrielle Wandel hat uns schon lange im Griff. Man bedenke nur, welche Umwälzungen allein in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben. Hier in Norddeutschland hat man beispielsweise die riesigen Hafenanlagen von Städten wie Hamburg, Bremen oder London vor Augen, die in den vorigen Jahrhunderten auf eine enorme Größe anwuchsen – bis sie auf einmal zunehmend brachlagen als der Transport von Gütern von Stückgut auf Containerfracht umgestellt wurde. Das waren enorme infrastrukturelle Herausforderungen. Und es bedeutete den Niedergang vieler Hafengebiete, auf denen später neue urbane Projekte entstanden: Docklands, Überseestadt, Hafencity und wie sie alle heißen. Man mag sich über diese Projekte streiten – der alte Hafenbetrieb ist jedenfalls weg, andernorts ersetzt durch neuartige Containerterminals. In der Agonie war man gezwungen, die Veränderung anzunehmen und Neues zu schaffen. Die technische Entwicklung bringt Veränderungen mit sich, denen man sich unter Umständen nicht entziehen kann. Das war seit den Anfängen der menschlichen Zivilisation so, und gilt auch für das Internet, das zweifelsohne eine große Umwälzung auslöst. Doch die Neuartigkeit als solche ist definitiv kein besonderes, einzigartiges Kennzeichen dieser jüngsten Veränderung.

2. Das Neue dringt in den Alltag – wir haben die Maßstäbe!
Das Neue, das uns das Internet bringt, wird noch nicht von Allen als Gegebenheit und als Herausforderung akzeptiert. Man nimmt eine Kopf-in-den-Sand-Haltung ein, die die Entwicklung sicher nicht aufhalten wird. Nur dass man sich damit der Chance begibt, sie zu gestalten. Auch wenn es psychologisch verständlich ist, dass Menschen, obwohl sie Telefon, Auto oder elektrisches Licht für eine Selbstverständlichkeit halten, das Internet dämonisieren, so ist es in praktischer Hinsicht doch befremdlich. Als wenn Telefon, Geld oder das Versicherungswesen keine Artefakte wären. (Sogar das Wasserklosett ist „unnatürlich“: Die Römer mussten in den eroberten Gebieten Nordeuropas erst einmal die Irritation der örtlichen Bevölkerung über die Benutzung der Latrinen überwinden.)
An vielen der ablehnenden Stellungnahmen zum Internet ist der Mangel an Offenheit und Neugierde und das fehlende Verständnis für seine kreativen und demokratischen Potenziale auffällig. Aber um diese Chance zu sehen oder zu ergreifen, ist ja nicht ausschließlich eine Haltung der kritiklosen Begeisterung vorauszusetzen. Im Gegenteil! Sie ist das kurzsichtige Extrem auf der anderen Seite. Sie überlädt die Eigenschaften des Internet positiv, mythologisiert es geradezu, während die andere Seite es dämonisiert. (Es gibt weitere, teilweise recht raffinierte Varianten zwischen diesen Extremen, aber für den Zweck dieses Artikels reicht es aus, sich die eindeutigeren Positionen zu veranschaulichen.)

Ob das Internet existiert und sich weiter entwickelt ist eine unfruchtbare Frage. Die kritischen Fragen aber, die diese Gegebenheiten hervorrufen – was macht das mit unserer Kultur, mit der Psyche, mit der Wirtschaft – lassen sich vernünftig nur beantworten, wenn man das Gestrüpp der Mythen, Märchen und Dämonen beiseite räumt. Es gibt keine Lizenz zur Interpretation des Internet, man muss weder Gegnern noch Enthusiasten eine Definitionshoheit in dieser Frage einräumen. Was wir brauchen ist eine Sichtweise, in der das Internet ein Alltagsding und Alltagswerkzeug innerhalb des Rahmens der soziokulturellen Gegebenheiten ist, in der Jugendliche ebenso wie Senioren, Unternehmen ebenso wie Künstler, und wer auch immer eine eigene Verwendungsweise und Einstellung für sich reklamieren können, die nicht von der Logik und Definitionshoheit irgendeiner anderen Gruppe bestimmt wird. Eine Sichtweise, in der die Vermutung, das Internet habe mit der alten Welt nichts mehr zu tun und es setze die gewohnten Regeln außer Kraft, nicht mehr den Blick auf die Wirklichkeit und die kulturelle Praxis verstellt.
Um dahin zu kommen, müssen wir einfach mehr auf dem Teppich bleiben – jedenfalls mehr, als es derzeit zwischen den Polen von dämonisierter Ablehnung und modischer Begeisterung üblich ist – bis irgendwann ein Begriff wie „Digital Natives“ mal so informativ und vielsagend ist wie „Klosettbenutzer“.

Nach meinen Erfahrungen im Web 2.0, mit Simulationen, virtuellen Welten, eCommerce, mit Datensicherheit und Datenschutz usw. habe ich den Eindruck, dass moralische Bewertungen des Internet gewöhnlicher sind, als es unsere Intuition vielleicht zunächst nahelegt. Unsere moralischen Maßstäbe und Regeln müssen in der Anwendung sicher diskutiert und ausprobiert, aber nicht neu erfunden werden.


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Article written by Björn

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3 Responses to “Für eine Entmythologisierung des Internet”

  1. [...] „Die Welt wird in nächster Zeit nicht wegen des Internet untergehen, die Kultur ist ebens…  [...]

  2. [...] distanziert tritt dagegen Björn Haferkamp im Philoblog Für eine Entmythologisierung des Internet ein und natürlich kann man das Phänomen Internet auch aus einem semi-ironischen philosophischem [...]

  3. [...] zeigt aber auch, dass hierzulande erst einmal das Internet entmythologisiert werden sollte, um vernünftig miteinander reden zu können, wie Björn Haferkamp angemerkt hat: “Ob das [...]

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