Enttäuschung über Derrida

David Mikics hat eine intellektuelle Biografie über Jacques Derrida geschrieben – “Who Was Jacques Derrida?” – die von David Kaufmann im Onlinemagazin Tablet rezensiert wird. In den 80er-Jahren war Mikics ein Anhänger Derridas – zu einer Zeit, als Derridas Dekonstruktivismus die amerikanischen Geisteswissenschaften dominierte: so vehement, wie Derridas Skeptizismus vertreten wurde, so heftig wurde er kritisiert. Mikics zeichnet die biografischen Stationen von Derridas subversiver Polemik nach, und zeigt die Widersprüche seiner Position. Derridas moralisch-praktische Indifferenz sind der wichtigste Grund für Mikics, die Philosophie des Stars der 80er aufzugeben.

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Mensch-Maschine-Schnittstellen und menschliche Plastizität

Andy Clark hat im Journal of Medicine and Philosophy 32/2, 2007, einen Artikel zur Frage veröffentlicht, ob und warum implantierte Mensch-Maschine-Schnittstellen und insbesondere Gehirn-Maschine-Schnittstellen möglich sind: “Re-Inventing Ourselves: The Plasticity of Embodiment, Sensing, and Mind“.

Ausgehend von einer Warnung Bruce Sterlings im Internetmagazin WIRED 2004 – “there’s ethical hell at the interfaces” – untersucht Clark die denkbaren Möglichkeiten von Enhancement und Augmentation. Deren Bedingung ist die von Clark postulierte biologische Plastizität des Menschen, sein Potenzial für “sensory re-calibration” und “bodily re-configuration”.

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Theorieblog – ein neues, philosophisch interessantes Blog

In meinen Referrern habe ich ein neues Blog aus Deutschland gefunden – Das Theorieblog von Cord Schmelzle, Thorsten Thiel und Daniel Voelsen. Sehr erfreulich!
Das Theorie-Blog ist ein neues Blog für Politische Theorie und Philosophie. Uns, dem Team, geht es darum, ein Forum für die deutschsprachige Theorie-Community im Netz zu schaffen – einen Ort, wie wir ihn bisher vermisst haben.
In Deutschland ist die philosophische Blogszene nach vielen Jahren immer noch sehr dünn. Eine Vernetzung gibt es gar nicht, mangels kooperativer Plattformen herrschen eher die gewöhnliche Vereinzelung und akademische Konkurrenz. Das Theorieblog macht zwar keine Ansprüche, diese Situation zu ändern (was wohl nicht ganz leicht zu schaffen sein dürfte). Dafür allerdings erklärt man sich dort für programmatisch / theoretisch offen: “Wir wollen uns dabei bewusst nicht eingrenzen: weder auf bestimmte Denker, Theorien oder Traditionen noch auf eine fixe politische Meinung oder Richtung.” Das ist – in Deutschland jedenfalls – ungewöhnlich.
Die bislang veröffentlichten Inhalte sind sehr gut – beispielsweise die Auseinandersetzung mit Enzensbergers jüngst geäußerter Europakritik. Ich stimme nicht mit Allem überein, habe mich aber trotzdem sehr gefreut, einen Beitrag zu lesen, der sowohl nachvollziehbar argumentiert als auch gut lesbar ist – eine Kombination, die in der ganzen deutschen Blogosphäre bei kontroversen Fragen leider viel zu selten ist.
Bin gespannt, was da noch kommt. Herzlich Willkommen und viel Erfolg fürs Theorieblog!

Studier nicht Geisteswissenschaften!

Thomas H. Benton hat im Chronicle of Higher Education einen Artikel veröffentlicht, in dem er eindringlich davor warnt, ein geisteswissenschaftliches Studium an einer Graduate School aufzunehmen: “The Big Lie About the ‘Life of the Mind’“. Offenbar beobachtet und kommentiert Benton seit Jahren die berufliche Situation von Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer in den USA. Die Situation dort ist sicher anders, und in Manchem vielleicht extremer als in Deutschland. Doch so ganz unvertraut kommen einem seine Beschreibungen von frustrierender Jobsuche und falschen Versprechungen und Erwartungen nicht vor.
Schon in früheren Artikeln war sein Fazit: “Lass es einfach!” Die Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler seien schlecht, die finanzielle und psychische Belastung für Graduierte auf der in den meisten Fällen jahrelangen Jobsuche extrem. Im Prinzip sei ein höherer Abschluss in einem geisteswissenschaftlichen Fach nur für Leute geeignet, die keine finanziellen Sorgen haben – also Kinder wohlhabender Eltern oder Partner von etablierten Berufstätigen. Ein PH.D. sei ein zu großes berufliches Risiko, die Professoren würden diese Realität kaum ausreichend ihren Studenten vermitteln, und der leisen Hoffnung, gut genug für eine der wenigen Anstellungen im akademischen Bereich zu sein, stünde die Inflation an Absolventen gegenüber.

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Bernard-Henry Lévy: Kant ist eine Erfindung

Bernard-Henri Lévy ist offenbar einer Ente aufgesessen, auf die er sich ungeprüft in seinem neuesten Buch bezieht. Einen einigermaßen ausführlichen Artikel dazu findet man in der TimesOnline. Im Mittelpunkt der Affäre steht das Buch The Sex Life of Immanuel Kant von Jean-Baptiste Botul. Botul, so schreibt Bernard-Henry Lévy, habe ein für allemal erwiesen, dass Kant eine Fiktion sei. Das Pikante daran: Botul ist eine Erfindung eines französischen Journalisten – was Lévy selbst aus der Wikipedia hätte erfahren können.
Seitdem das bekannt wurde, verbreiten sich in Internet und Feuilleton Häme über Lévy, die meist nicht ohne Seitenhiebe auf seine Selbstinszenierung als eitler Medienstar auskommen.

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Hayek vs. Keynes – als Rap

Die Seite econstories.tv von John Papola und Russ Roberts will über ökonomisches Denken aufklären. Dort ist jetzt ein Musikvideo erschienen, in dem John Maynard Keynes und F. A. Hayek in Form eines Rap-Songs ihre Ansichten zu Ökonomie und Wirtschaftspolitik zum Besten geben. Der Text ist auf der Seite ebenfalls zu lesen. Das Alles ist ziemlich gut gemacht und auch inhaltlich erstaunlich gut – mit einer Ausnahme, die bei weissgarnix erwähnt wird, die das Video aber auch als “genial” bezeichnen. Dort findet sich in den Kommentaren auch eine deutsche Übersetzung.
Der Song ist bei econstories.tv kostenlos erhältlich.

Update: Jetzt gibt es auch eine neue Version davon.

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eBooks

Ich verstehe den Kulturkampf eBooks versus Buch nicht. Wer sagt denn, dass das Buch verschwindet? Dass es durch das eBook ersetzt wird? Was wird denn sein – in der Zukunft? Die kann man nicht voraussagen – nehmen sie Voltaire oder Schopenhauer oder Popper. Wem es hilft, der wird sich ein eBook auf sein Gerät ziehen. Wer will, nimmt ein Buch zur Hand. Ja, der Markt wird irgendeine Dynamik haben. Vielleicht wird es weniger Bücher geben. Was will man dagegen machen? Bücher kaufen, wenn man will. Und wenn ich im Café schreibe, habe ich neuerdings Schopenhauer, Russell, Mill und Platon auf meinem kleinen Android-Handy. Durchsuchbar und mit Lesezeichen. Die Vorteile von Büchern fehlen. Deswegen kaufe ich Bücher.

Copyright, Public Domain, Kreativität und Innovation

Das Center for the Study of the Public Domain veranstaltet eine Vorlesungsreihe zum Thema Geistiges Eigentum (Intellectual Property). Videoaufzeichnungen der Vorträge stehen auf der Webseite der Veranstaltungsreihe im RealMedia-Format zur Verfügung. Besonders interessant fand ich folgende Titel:

William F. Patry (Senior Copyright Counsel at Google, Inc.): Moral Panics and the Copyright Wars. A Reply to Jack Valenti
[Link zur Webseite]

Joseph Stiglitz (Nobelpreis Ökonomie): “The Economic Foundations of Intellectual Property” [Direktlink zum Video]

Lawrence Lessig: Architecting Innovation [Direktlink zum Video]

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Kurzer Überblick zu eBooks auf dem Smartphone

Ich habe gestern auf der Pl0gbar Bremen #11 einen kleinen Vortrag über eBooks auf dem Smartphone (iPhone, Android und ähnliche) gehalten. Es ging nur darum, kurz einen Überblick über den Stand der Dinge und die Optionen, die Benutzern zur Verfügung stehen, zu geben.
Die Veranstaltung war sehr interessant und man traf lauter nette Leute. Auch angesichts historisch schlechter Wetter- und Straßenverhältnisse, die den Hin- und Rückweg zu einem Abenteuer machten, ein tolles und unvergessliches Ereignis. Ich freu mich schon aufs nächste Mal. Wer Interesse hat, die Präsentation zum Vortrag anzusehen, kann das hier tun (zur besseren Ansicht unten auf den Button “full” klicken):

Nachtrag:
Auf dem Blog von Susanne & Norbert Hayduk ist eine Review der Pl0gbar-Veranstaltung erschienen. Nochmals vielen Dank für die Organisation!