Der “Skandal” der deutschen Philosophie

Leonard Nelson (1882 – 1927) hat durch seine gründliche Beschreibung der sokratischen Methode wohl als erster den Anstoß für die Beschäftigung mit dem “sokratischen Gespräch” in neuerer Zeit gegeben. In seiner 1922 erschienen Abhandlung zur sokratischen Methode konstatiert er ein mangelndes Methodenbewusstsein in der Philosophie. Stattdessen herrsche die Dogmatik. Auch sei völlig in Vergessenheit geraten, dass Kant in seinen Kritiken vor allem auch methodische Untersuchungen liefere:

“Es fehlte alles, … daß man die Kritik der reinen Vernunft als ‘Traktat von der Methode nahm’, als den ihr Urheber sie selbst nach seinen eigenen Worten hat verstanden wissen wollen. … Der Dogmatismus blieb in der Herrschaft, ja er triumphierte mehr denn je in willkürlichen Systembildungen, die, eins das andere an Phantasterei überbietend, dem nüchternen und kritischen Philosophieren des kantischen Zeitalters das öffentliche Interesse völlig entfremdeten. …
Warum, so fragt Kant, ist dem ‘Skandal‘ nicht vorgebeugt, der ‘über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich Metaphysiker … ohne Kritik unausbleiblich verwickeln’?”
(aus: Das sokratische Gespräch, hg. v. Dieter Birnbacher und Dieter Krohn, Reclam, 2002, Seite 28f)

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