Blog-Charts und Technorati-Authority


Marc Scheloske vom Wissenschafts-Café (und der Wissenswerkstatt) macht einen ganz hervorragenden Job: er bündelt die Informationen aus den wissenschaftlichen Blogs der deutschsprachigen Blogosphäre, stellt Reflexionen dazu an, ruft Initiativen ins Leben und erstellt unermüdlich Analysen und Statistiken. Genauso großartig finde ich das, was Benedikt Köhler so alles auf die Beine stellt. Durch Marc und Benedikt ist viel Leben in die Bloglandschaft gekommen. Beide verstehen es, schlummernde Potenziale zu wecken, von denen alle etwas haben.

Ich schicke dies vorweg, um meine beiläufigen Überlegungen zum Stellenwert, den Charts und Statistiken für mich haben, ins rechte Licht zu rücken. Nach vier Jahren Bloggerei, in denen ich stets auch verschiedene Eitelkeitstools verwende – Google-Analytics, Blogscout, Webstatistiken (und dieses sang- und klanglos verblichene Ding damals bei blogg.de, dessen Namen ich vergessen habe), haben Charts und “Authority” bei Technorati und Co. keine besondere Bedeutung mehr für mich.
Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass meine Blogs nie in den Top-100-Charts auftauchten, oder daran, dass es mir, der seine Brötchen annähernd 50 Stunden die Woche fernab der Bloggerei verdient und Zeit für Familie und andere private Interessen braucht, nicht möglich ist, in kurzen Abständen ausführliche Beiträge für Weblogs zu verfassen und größere Diskussionsstränge in der Blogosphäre zu verfolgen. Ist die Zeit besonders knapp, zeigt sich, dass sich der Nutzen meines Weblogs darauf reduziert, für mich selbst Notizen und Links in leicht abrufbarer Form festzuhalten, immer mit ein wenig Hoffnung, dass noch jemand anderes damit etwas anfangen kann und vielleicht noch einen Hinweis oder eine Bemerkung ergänzt. Habe ich ein paar Minuten mehr, versuche ich manchmal, eigene Bemerkungen hinzuzufügen oder woanders zu kommentieren. (Jetzt hätte ich eigentlich keine Zeit, denn der Boden liegt voll mit vorsortiertem Papierkram, der vor dem Wochenende in die entsprechenden Ablagen verschwinden sollte – und um 8 bin ich zum Tanzen verabredet.)
Was meine Skepsis gegenüber Charts ein wenig bestärkt hat, ist meine Erfahrung, dass ich die Diskussionen und die Meinungsführerschaft der A-Blogs besonders unergiebig fand – ein Faktum, dass sich nach 4 Jahren intensiver Bloggerei sozusagen immer weiter von selbst erhärtet. (Aber das mag jetzt bei den Wissenschaftsblogs anders werden.) Charts generieren außerdem Hordenphänomene, die mehr über soziale Dynamik sagen, als dass sie wirklich Raum geben für weiterführende Diskussionen (wobei im übrigen per se nichts gegen “Hordenphänomene” und Gruppenkuscheln einzuwenden ist). Und sie produzieren einen aberwitzigen Eifer: in einem unbedeutenden privaten Weblog habe ich Trackbacks abgeschaltet. Einige Leute lassen sich davon nicht abhalten und fügen dann eben bei Bedarf einen manuellen Trackback ein – URL, sonst nix. Kein besonderer Bezug zu meinem Beitrag, nicht im Trackback, noch im Ziel, auf das der URL verweist.

Ein Leben für die und von der Technorati-Authority – das ist nicht das, was ich mir vom Bloggen erwarte.

Webstatistiken sagen nichts über Qualität, sei es intellektuell, sei es hedonistisch (sprich: Spaß). (Marc und Benedikt beispielsweise sagen das auch so.) Ich hatte meinen Spaß und meine Aha-Erlebnisse viel häufiger in den abseitigen Zonen der Blogosphäre als bei den erfolgreichen Bloggern.

Ich muss aufhören, darum kurz mein Fazit:
Prima, dass es Versuche gibt, aussagefähige Statistiken zu den Wissenschaftsblogs zu erstellen. Die Leute machen das ziemlich gut. Sie verfolgen außerdem damit ein eigenständiges wissenschaftliches Interesse, das bestimmte Fragestellungen zu beantworten sucht.
Für mich persönlich hat die Technorati-Authority keine Bedeutung mehr (obwohl ich immer wieder eitle Impulse verspüre, auch mal besser dastehen zu wollen). Und für meine Orientierung über das, was gut ist, helfen mir Charts auch nicht. Ein Weblog mit einem sehr guten Ranking muss bei mir die Hürde einer großen, empirisch gesättigten Anfangsskepsis überwinden.

,

  1. #1 by Fischer on 2008/05/03 - 7:08 pm

    Kann ich nur zustimmen.
    Wenn man sich an Charts, Zugriffszahlen und so weiter orientiert, kann man eine ganze Menge Sachen schlicht nicht mehr machen, weil es dafür kein wirkliches Publikum gibt.

    Blogcharts sind im Grunde die fünfte Kolonne des Konformismus. ;)

  2. #2 by Björn on 2008/05/04 - 12:28 pm

    Gut gesagt :)
    Ich hoffe nur, dass auch rausgekommen ist, dass diese Statistiken durchaus interessant sind – man muss sich nur klarmachen, was man will.

  3. #3 by Monika on 2008/05/04 - 3:48 pm

    @ Fischer
    “Wenn man sich an Charts, Zugriffszahlen und so weiter orientiert, kann man eine ganze Menge Sachen schlicht nicht mehr machen, weil es dafür kein wirkliches Publikum gibt.”
    Ja, genau.
    Wer eher Wissenschaft “pur” bloggen möchte, bloggt in einer “Nische”. Die eigene Eitelkeit kann man dann eben mit allmählichen, kontinuierlichen Besucherzuwächsen und google-Aufrufen “befriedigen” ;-))
    @ Björn
    “Ich hatte meinen Spaß und meine Aha-Erlebnisse viel häufiger in den abseitigen Zonen der Blogosphäre als bei den erfolgreichen Bloggern.”
    Geht mir genauso, es gibt so viele verborgene “Blogschätze”.Wenn ich solche “Findlinge” in meinen Feedreader aufnehmen kann, dann ist das ein besonderes “Fest”.

  4. #4 by Björn on 2008/05/04 - 4:57 pm

    Bei den meistverlinkten Wissenschaftsblogs sind einige darunter, die ich gerne lese. Vielleicht verhält es sich in dieser Sparte ja mal anders :)

Comments are closed.