Richard Rorty über Philosophie und Demokratie


Ein Vortrag, den Richard Rorty 2004 in Teheran gehalten hat, ist jetzt in überarbeiteter Fassung bei Eurozine online erschienen: “Wagging the Dog – Über Demokratie und Philosophie“. Sein darin enthaltenes Plädoyer gegen Letztbegründung mündet in dem Fazit, “daß für Länder, die keine Säkularisierung durchlaufen haben oder gerade erst am Beginn einer konstitutionellen Regierungsform stehen, die Geschichte der westlichen Philosophie kein besonders lohnenswertes Forschungsgebiet darstellt.”
Ich finde diesen Schluss allerdings äußerst merkwürdig, und behaupte das glatte Gegenteil: gerade weil wir Letztbegründungen nicht zur Verfügung haben, ist die Philosophie und ihre Geschichte interessant (gerade in Teheran.) Es gibt in ihr eine ganze Reihe von Letztbegründungskritikern, die nicht den postmodernen Relativismus unterschreiben würden, und auch nicht bei Habermas ihre Zuflucht suchen, wie zum Beispiel Martha Nussbaum, Hans Albert und Karl Popper.

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  1. #1 by Stefan Heßbrüggen on 2007/11/10 - 6:11 am

    Rorty argumentiert gegen die These, daß Gesellschaften, die mit den Werthaltungen des ‘Westens’ nicht übereinstimmen, zuerst die Geschichte des westlichen Denkens zu verinnerlichen haben, bevor in ihnen gesellschaftliche Veränderung denkbar wird. Der Grund dafür ist in seinen Augen die Tatsache, daß philosophisches Denken seit der Aufklärung zum Wandel unserer eigenen Kultur herzlich wenig beigetragen hat. Der Grund dafür ist seiner Meinung nach darin zu suchen, daß konkreter politischer Dissens auch in unseren Gesellschaften mittlerweile nicht mehr durch den Rekurs auf Einsichten der politischen Philosophie entschieden werden. Rorty ist sicherlich kein “postmoderner Relativist”, sondern in diesen Dingen Pragmatist: Ihn interessiert, wie in einer gegebenen historischen Situation das Schicksal eines Individuums oder einer Gesellschaft zum besseren gewendet werden kann. In seinen Augen beruht der unbestrittene Erfolg der Aufklärung nicht auf historischer Notwendigkeit, sondern war vielmehr vermutlich eher ein glücklicher Zufall. Er mahnt uns, aus diesem Erfolg nicht die falschen Schlüsse zu ziehen: Weil dieses Projekt einmal geglückt ist, folgt daraus nicht, daß es in anderen historischen Umständen zwangsläufig noch einmal gelingen wird. Wir tun vielmehr gut daran, uns in dieser Hinsicht nicht in falscher Sicherheit zu wiegen, sondern vielmehr andere, unserer historischen Situation angemessene Wege zu finden, um die Ziele unserer Vorväter in die Tat umzusetzen. Symptomatisch für diese unsere historische Situation ist die Tatsache, daß philosophische Erwägungen zur Lösung konkreter politischer Sachfragen in hochkomplexen modernen Gesellschaften herzlich wenig beizutragen haben. Da wir selbst die unmittelbare Anwendbarkeit philosophischer Einsichten auf die Lösung politischer Sachfragen verneinen, ist es nicht angebracht, ein solches Verfahren anderen Gesellschaften zur Lösung ihrer eigenen politischen Sachfragen vorzuschlagen.

  2. #2 by Björn on 2007/11/11 - 1:33 am

    Danke für den ausführlichen Kommentar. Ich kann im Moment leider nur kurz darauf eingehen, obwohl ich gerne weiter darüber diskutieren würde. Vielleicht später, falls sich hier noch mehr entwickelt.

    a) Obwohl man Rorty möglicherweise nicht den postmodernen Denkrichtungen zuordnen kann, ist es mit Blick auf den Relativismus egal, ob man ihn “postmodern” oder “pragmat(ist)isch” nennt.
    b) Ob es um Aufklärung oder um Letztbegründung geht: es scheint mir ein westliches Vorurteil zu sein, dass es sich hierbei um Werte oder Traditionen handelt, die eine zufällige Besonderheit einer bestimmten Epoche westlicher Gesellschaften darstellen. 1) Die “Aufklärer” haben, wenn auch konkret auf ihre Lage bezogen, über menschliche Verhältnisse räsoniert; 2) und Letztbegründung ist ein Problem, das auftritt, sobald argumentiert wird. 3) Die in der westlichen Philosophie der letzten 250 Jahre diskutierten Werte und Methoden sind auch nicht aus dem Nichts aufgetaucht.
    Ich finde es nicht plausibel, dass es sich bei diesen Fragen um kontingente Spezialitäten unserer Kultur handeln soll.
    c) Vermutlich ist es richtig, dass man besser nicht Philosophische Institute dahin exportieren sollte, wo es noch keine gibt. Das ist allerdings eine Aussage über Institute, nicht über Philosophie :-)

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