Philosophie und Virtuelle Realität – die 90er Jahre


1997 hat Jörg Wurzer ein Buch mit dem Titel “Realität und virtuelle Welten – Philosophie für eine High-Tech-Gesellschaft” veröffentlicht, das offenbar auf seine Promotion an der Uni Bonn zurückgeht.(*)

In der gleichen Zeit war ich Mitarbeiter einer interdisziplinären Forschergruppe zur Modellierung und Simulation von Dynamiken mit vielen interagierenden Akteuren, und habe mich mit den wissenschaftstheoretischen Aspekten von Simulation und Emergenz beschäftigt. Eine Kommilitonin aus der Zeit schrieb gerade ihre Magisterarbeit über “Virtuelle Realität”. Damals konnte niemand so richtig etwas mit unseren Themen anfangen. Heute nun, wo derartige Anwendungen in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit finden, besteht wieder Bedarf an derartigen theoretischen Klärungen. Vieles steckte damals noch in den Kinderschuhen, was zum Einen technisch bedingt war (außerhalb der Forschung gab es kaum praktische Beispiele, und meine Hardware- und Softwareausstattung war selbst für damalige Verhältnisse kümmerlich (warum sollte ein junger Philosoph auch so etwas haben?)), zum anderen auch daran lag, dass man sich auf Neuland bewegte, kaum Vorläufer hatte, wenig Rückhall außerhalb des Spezialistenkreises fand.
Ich bin gespannt wie es jetzt, unter geänderten Vorzeichen, weitergeht. Markt und Medien werden sicherlich Schrittgeschwindigkeit, Ziele und Begriffe diktieren.

(*)Natürlich haben auch die anderen üblichen Verdächtigen, wie Klaus Mainzer sich schon vor einigen Jahren mit dem Thema beschäftigt.

  1. #1 by mspro on 2006/11/02 - 1:56 pm

    Jaja, die 90er. Der ganze Hype um die neuen Medien ist an der Theoriefront verebbt und alles scheint in der Konsolidisierung angekommen zu sein. Was damals geleistet wurde, ist sicher ein gewisses Verständnis und Toleranz für das “Virtuelle” zu schaffen und sie mehr oder weniger gleichberechtigt neben die “reale” Realität zu stellen.
    Ich denke aber, es wird aber Zeit darüber hinaus zu gehen und diese Trennung weiter zu hinterfragen. Was heute auffällt, ist dass die Schnittstellen sich so schnell divers entwickeln, dass diese Trennung nicht mehr wirklich aufrechterhalten werden kann. Grob gesagt: Es wird keine reale Realität mehr geben, jenseits des Virtuellen.
    Für mich stellt sich also die Frage, welcher Realitätsbegriff der einen wie der anderen Realität angemessen ist. Denn darauf steuern wir zu. Es geht nicht darum neue Begriffe zu schaffen, sondern die alten zu hinterfragen und nötigenfalls zu erweitern. Wir müssen uns Fragen: Wie virtuell ist die reale Realität immer schon gewesen? Und war ihr Realsein nicht die unhinterfragte Vorraussetzung, die nur solange gut gehen konnte, wie es ihr Anderes, das Internet, noch nicht gab?

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