Stumpfe Wiederholung statt Entwicklung – der “dialektische Widerspruch” tritt auf der Stelle


Der Schockwellenreiter ist ja bekannt und wird von mir geschätzt für seine Links zu Fundstellen seltener oder altertümlicher Technik- und Kulturgüter. Auch heute hat er wieder so ein kurioses Schmuckstück, dass allerdings nicht von 1812 oder 1859 stammt, sondern aus dem Jahr 2006: “Hegel, nicht Kant”. Die “Junge Welt” ist der alten verhaftet und analysiert, wie Rosa Luxemburg die philosophische Hoffnung allein in Hegel statt Kant gesehen habe, weil nur seine Dialektik eine Erkenntnis historischer Antagonismen und deren Überwindung verbürge, – so wie es vom philosophischen Rosenkranz des Marxismus eben vertraut ist.

In ihrem [d.h. Luxemburgs] Werk findet man nicht mehr als ein Dutzend Hinweise auf Hegel und seine Philosophie. Doch sie verweisen auf das Herzstück seines Systems, auf die Dialektik der Bewegung und damit auf die des Widerspruchs.”

Es ist selbst für wohlwollende Teilnehmer an diesem philosophischen Diskurs frustrierend, dass Anhänger Hegels immer noch glauben, Widersprüche, oder dialektische Widersprüche, ließen sich ohne Hegelsche Dialektik weder beschreiben noch vorstellen noch verstehen. Dafür werden jedoch – gelegentlich bereitwillig – logische Widersprüche in Kauf genommen.
Auch Marxisten und Hegelianer müssen zur Beschreibung welcher Widersprüche auch immer die Sprache und die Logik benutzen. Da mag das literarische Oeuvre Hegels vielleicht Inspirationen liefern mit metaphysischen Aussagen wie: “er [der Widerspruch] aber ist die Wurzel aller Bewegungen und Lebendigkeit” – eine Frage der Kreativität bei der Erklärung realer Phänomene. Ein Erklärungsmonopol kann diese Dialektik dagegen nicht beanspruchen; – wenn sie überhaupt etwas erklärt. Dagegen führt sie auf das Glatteis der Geschichtsphilosophie, mit der Marxisten immer zuverlässig wissen, auf welcher historischen Stufe sich ein (gegebenenfalls “falsches”) Bewusstsein gerade befindet. Dafür bekommt es dann eine bunte Plakette angesteckt, damit es leicht auf den ihm zugewiesenen Platz gestellt werden kann.

Aber wahrscheinlich ist das alles nur ein einziges Missverständnis, denn wie sagte Hegel doch über Marx: “Nur einer hat mich verstanden, und der hat mich auch nicht verstanden.” Wenn man jedenfalls “das Denken an der »schneidenden Waffe der Hegelschen Dialektik« immer wieder schärft“, sollte man auf keinen Fall die Logik vergessen. Und – die Geschichte.

Otto Neurath hat eine treffende, von Quine berühmt gemachte Metapher dafür gefunden, wie es um unsere Erkenntnissituation bestellt ist:

Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.

Ohne Logik und Wissen werden wir keine neuen Schiffe bauen. Mit klug angewandten Erfahrungen werden es bessere Schiffe sein.

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