Archive for July, 2006
Was macht jemanden zum Extremisten?
Posted by Björn in Verschiedenes on 2006/07/31
Man ist es leid, ob im näheren Umfeld oder auf der großen politischen Bühne: die stumpfsinnigen Fanatiker und Realitätsausblender, die mit ihrer verkürzten Weltsicht den Rest der Menschheit meinen beglücken zu müssen, die die Stammesrituale und Hordengewalt frühzeitlicher Kleingruppen in großen, komplexen Gesellschaften praktizieren oder anstreben, wobei sie sich der Moral ihrer Umwelt enthoben fühlen, sie begegnen einem immer wieder, und es gibt auch noch Zeitgenossen, die derlei Appelle an rudimentäre emotionale Dispositionen für die eigene emanzipierte Reflexion halten.
Ist es so, dass Männer anfälliger für Extremismus sind als Frauen? Und dass sie biologisch als Verteidiger ihrer Höhle oder auch Konkurrent um die Häuptlingskeule gewissermaßen dazu disponiert sind? Und dass Frauen eher einen Rigorismus im Nahbereich pflegen: nämlich in bezug auf die Sofakissen, respektive Höhlenfelle und die soziale Unterhaltung? Aber ob Höhlenzucht oder Stammesethik – man muss immer weiter zeigen, dass uns das heute nirgendwohin als ins reale und moralische Elend führt.
Grafiken des Manierismus
Der Schockwellenreiter heute wieder mit zwei wunderbaren Links, diesmal zum Manierismus. The manner of Being bei BibliOdyssey, und Der Welt Lauf. Allegorische Graphikserien des Manierismus.
Bill Viola in der Kunsthalle Bremen
Violas Thema sind die menschlichen Gefühle. In verschiedenen Konstellationen, aus verschiedenen Perspektiven. In ihren basalen Ausdrucksformen. Seine Filme zeigen Bewegungen, Gesichtsausdrücke, Körperhaltungen – oft stark verlangsamt. Erstaunlicherweise wird die Dynamik dadurch verstärkt, fast schon greifbar. Die Struktur, die Geschichte und die Komposition ist konzentriert auf das Wesentliche. Dadurch sind seine Werke zweifellos Klassiker. Auch weil er Bilder, Gesten, Posen der Kunstgeschichte zitiert. Er greift die überlieferte Symbolik auf, macht sie lebendig. Violas Filme sind die Fortsetzung der großen Malerei. Und gleichzeitig in ihrer Komposition von eigenständiger Klassizität.
Bill Viola in der Kunsthalle Bremen – noch bis 27. August 2006
To do unwichtige Dinge
Posted by Björn in Vermischtes Banales on 2006/07/22
Wollte ich schon lange bloggen, aber verschieb ich immer wegen unwichtiger Dinge: Structured Procrastination von John Perry. Wie man sich erfolgreich um dringende Aufgaben herumdrückt.
Die Postmoderne und der Krieg
Posted by Björn in Kulturphilosophie, Politische Philosophie on 2006/07/22
Die Postmoderne und der Krieg. Von Philip Hammond. (Ein Überblick über kulturphilosophische Thesen zu einem ganz realen Thema in den Debatten der letzten Jahre.)
Anmerkung: Krieg ist alles andere als l’art pour l’art ist. Die Gründe, Ideologien, Ziele der Kombatanten sind nach wie vor real; es sind in den westlichen Nationen nur nicht mehr die großen Ideologien, die den Weg in die Schlacht vorzeichnen. Die Welt ist nüchterner, realer geworden. Und ist eben keine Simulation, wie Baudrillard, der eher zynisch als ironisch ist (jedenfalls nach Maßstäben von Rorty oder Heine), gesagt hat. „Suchen Sie nach etwas, das man noch ernst nehmen kann? Wie wäre es mit der Macht des Bösen?“ schrieb das Magazin Time nach den Debatten um den 11. September. Die öffentliche Meinung hingegen schlingert bei den vielen kleinen und großen Konfliktereignissen irritiert zwischen Bedrohungswahrnehmung und moralischem Relativismus.
Heidegger
Heidegger war ja ein fröhlicher Mensch. Noch mehr gilt das für seine Anhänger. Da musste es ja mal etwas zum Mitwippen (mp3) geben. Ich konnte es noch nicht hören – wenn’s schlimm ist, nehme ich den Beitrag heute abend wieder raus. Statler hat auch noch eine längere Coverversion davon gefunden.
Fotografien von Bourdieu in den Hamburger Deichtorhallen
Eine bislang kaum bekannte Facette des Philosophen und Soziologen Pierre Bourdieu: er war Mitte der 50er-Jahre als Wehrpflichtiger in Algerien und betrieb dort bis 1962 “intensive ethnologische und soziologische Feldforschung” – mit über 2000 Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentierte er den Alltag im Land während der kriegerischen Auseinandersetzungen. 150 Bilder davon sind nun in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen, begleitet von einem zweiten Ausstellungsteil mit Fotos zum Algerienkrieg. Deutlich werden soll so Bourdieus eigene, auf die Widersprüche im Alltag fokussierte Perspektive, im Vergleich zu eher klassischen Kriegsdokumentationen.
Die Ausstellung “Pierre Bourdieu: Der Algerienkrieg und die Fotografie” ist bis zum 3. September im Haus der Fotografie, Deichtorhallen Hamburg, zu sehen. Eintritt: 7 Euro (5 Euro erm.)
Adorno-Preis für Wellmer
Posted by Björn in Leute, Philosophie allgemein, Sozialphilosophie, Verschiedenes on 2006/07/20
Albrecht Wellmer erhält den Adorno-Preis 2006 der Stadt Frankfurt. Wellmer war Schüler von Adorno. Er habe die Kritische Theorie der Frankfurter Schule “in ganz eigener Weise” weiterentwickelt. Die Preisverleihung findet am 11. September in der Frankfurter Paulskirche statt.
Der erste Bremer Webmontag
Gestern fand der erste Bremer Webmontag in den Räumen des Design Zentrums im Wilhelm-Wagenfeld-Haus statt.
Mit ca. 70 Leuten war es bei den kurzen Vorträgen zu Mr. Wong (von Christian Clawien), über Microformats (von Dennis Blöte) und über Ruby on Rails (von Carsten Bormann) brechend voll (und noch wärmer als die Sommerhitze draußen), aber die Atmosphäre war entspannt. Ich war gespannt, und da ich kaum jemanden von der Teilnehmerliste kannte, ein wenig skeptisch. Aber das Konzept funktioniert. Die Vorträge waren kurz und knackig, mal mehr, mal weniger technisch – eine gute Mischung.
Beim lockeren Rumstehen und Am-Glas-Festhalten ergab sich das eine oder andere Gespräch, man konnte Informationen mitnehmen und das Ganze blieb zeitlich sehr im Rahmen.
Ich habe mit Ralf Bendrath gesprochen, der unter anderem bei netzpolitik.org bloggt und sich auf Fragen zum Datenschutz spezialisiert hat. Etwas peinlich war mir, dass mir nicht auf Anhieb einfiel, ob ich netzpolitik.org regelmäßig lese. Ich denke in Bildern, brauche bildliche Repräsentationen um meine grauen Zellen in Gang zu bringen. Als ich heute morgen meinen Rechner einschaltete, löste sich das “schlechte Gewissen” allerdings sofort in Wohlgefallen auf: die Seite steht in meinem Feedreader gleich an zweiter Stelle, weshalb ich das Blog selten direkt besuche – Tücke der Gewohnheit. Zumal mich immer wieder das dreispaltige Layout des Blogs mit der Link- und der Newsleiste inspiriert – genau so etwas schwebt mir selbst schon lange vor. Zeit müsste man haben. Und ich weiß auch, warum ich mich nicht in die Tiefen von PHP begeben mag:
Außerdem habe ich Hilmar Bender kennengelernt, Autor, Texter und Blogger, der sich seinerzeit schon mit edithispage rumgeschlagen hat. Es ist ja nichts Neues, bleibt aber trotzdem kurios, wenn man das erste Mal jemandem begegnet, den man schon länger online “kennt”, aber nichts Reales damit verbindet.
In Bremen bleiben diese Erfahrungen wohl eher seltener, da hier die Bloggerszene nicht so groß ist wie in Hamburg oder Berlin. Dafür ist der Webmontag ein Treffpunkt aller Webinteressierten, und ich hatte gestern den Eindruck, dass die Mischung unterschiedlicher Interessengebiete – technisch, geschäftlich, soziokulturell, akademisch, inhaltlich (im Sinne des berüchtigten Contents, um den sich ja eigentlich alles dreht) – eine gute Voraussetzung für eine produktive und kreative Veranstaltung in offener Atmosphäre ist. Deshalb hier auch ein Danke an die Organisatoren!
Weitere Eindrücke bei Sören Weber, Björn Hornemann und Sebastian Tolk.
Preise für Føllesdal und Dworkin
Posted by Björn in Akademisches, Analytische Philosophie, Leute, Liberalismus, Logik, Sprachphilosophie on 2006/07/18
Ronald Dworkin erhält den Bielefelder Wissenschaftspreis 2006.

Die Laudatio wird Jürgen Habermas am 15. Dezember in der Bielefelder Stadthalle halten. “Mit Ronald Dworkin wird einer der einflussreichsten Rechtsphilosophen der Gegenwart geehrt”, heißt es in der Begründung der Jury. Bekannte Bücher von Dworkin sind “Taking Rights Seriously” von 1977 (deutsch: “Bürgerrechte ernst genommen”, 1984), “Law’s Empire” von 1986 oder “Freedom’s Law” von 1996. (Bericht bei Information Philosophie)
Der norwegische Philosoph Dagfinn Føllesdal erhält den diesjährigen Preis für Analytische Philosophie der “Lauener Stiftung” in Bern.

Bekannt ist Føllesdal durch seine Arbeiten in der Sprachphilosophie, Logik, Handlungstheorie, Wissenschaftstheorie und Ethik. Auf deutsch erhältlich ist von ihm beispielsweise “Rationale Argumentation. Ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie” (1988). Er ist Herausgeber des fünfbändigen Werkes “The Philosophy of W.V. Quine” und derzeit Clarence Irving Lewis Professor of Philosophy der Stanford University.
Kleiner Spendenaufruf
Posted by Björn in Verschiedenes on 2006/07/18
Das Simon Wiesenthal Center, das unter anderem das Museum of Tolerance in Los Angeles mitträgt, ruft angesichts der aktuellen Nahostkrise zu Spenden auf, um die israelische Position publizistisch zu unterstützen. Es ist zwar schicker, stereotyp von israelischer Aggression zu sprechen und die dauernden Anschläge sowie die Raketenangriffe von Hamas und Hisbollah, die damit die eigene Bevölkerung zu Geiseln ihres Fanatismus machen, zu ignorieren oder relativieren. Aber bei solchen intellektuellen Verrenkungen, die dann mit Blick auf den Antisemitismus und Holocaust besonders abstrus werden, kommt meine Logik nur zu fatalen Inkonsistenzen. Es kann nicht um Krieg und um Aggression gehen, es geht um Toleranz und Frieden. Dazu ist es wichtig, dass die israelische Position gegen den monolithischen Meinungsblock eine Chance hat.
“Nationaler Ethikrat” wird “Deutscher Ethikrat”
Der 2001 eingerichtete Nationale Ethikrat, der je nach aktueller Zusammensetzung bis zu 25 Mitglieder aufweist, wird zum “Deutschen Ethikrat” umorganisiert. Die Amtszeit des Nationalen Ethikrates endet am 30.Juni 2007. Die Arbeit des neuen Rates wird dann, anders als bei den unverbindlichen Aktivitäten seines Vorgängers, auf gesetzlicher Grundlage basieren. Die Aufgabe des Deutschen Ethikrates ist es, den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung zu beraten: “Die Ergebnisse der Arbeit werden in Stellungnahmen, Empfehlungen und Berichten veröffentlicht. … Die 24 ehrenamtlich tätigen Mitglieder werden durch den Präsidenten des Deutschen Bundestages je zur Hälfte auf Vorschlag des Bundestages und der Bundesregierung ernannt. Im Deutschen Ethikrat soll naturwissenschaftlicher, medizinischer, ethischer, theologischer, sozialer, ökonomischer und juristischer Sachverstand versammelt werden.”
Vorrangig obliegt dem Ethikrat die Beratung in Fragen des Lebensschutzes und der Medizinethik. Da diese in hohem Maße im Licht ideologisch und religiös motivierter Werte diskutiert werden, ist ein Gremium mit möglichst breit gestreuten Positionen, das jenseits parteipolitischer Interessen Analysen und Empfehlungen formulieren kann, zu begrüßen.
Philosophische Fachleute im derzeitigen Nationalen Ethikrat sind Eve-Marie Engels, Volker Gerhardt, Bettina Schöne-Seifert und Christiane Woopen.
Fast zeitgleich mit der Ankündigung der Bundesregierung, den Deutschen Ethikrat einzuberufen, legte der Nationale Ethikrat seine Stellungnahme zum Thema Sterbebegleitung vor. Darin wird unter anderem vorgeschlagen, die Terminologie von aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe aufzugeben und stattdessen klarer von Sterbebegleitung, Therapie am Lebensende, Sterbenlassen, Beihilfe zur Selbsttötung und Tötung auf Verlangen zu sprechen.
“Mit Blick auf Sterbebegleitung und Therapien am Lebensende unterstreicht der Ethikrat, dass jeder unheilbar kranke und sterbende Mensch Anspruch darauf hat, unter menschenwürdigen Bedingungen behandelt, gepflegt und begleitet zu werden. Bei allen Maßnahmen der Sterbebegleitung und der Therapien am Lebensende ist der Wille des Betroffenen maßgebend.” Zum Teil spricht sich die Stellungnahme dafür aus, die Strafverfolgung in legitimen Fällen von Sterbehilfe auszusetzen, gleichwohl aber die Strafbarkeit der Tötung auf Verlangen (§ 216 StGB) beizubehalten. Eine gewinnorientierte Beihilfe zum Suizid soll strafbewehrt verboten sein. (Stellungnahme Sterbehilfe, PDF)



