Heise-Online berichtet, dass die Deutsche Musikwirtschaft (in Gestalt der deutschen Sektion der International Federation Of Producers Of Phonograms And Videograms (IFPI)) einen “besseren Schutz für Kreative und Verwerter fordert.” Sich für die eigenen Rechte einzusetzen, ist jedem unbenommen. Hier plakativ den eigenen Anspruch mit der Formulierung “Schutz der Kreativen” zu schmücken ist jedoch nur ein rhethorisch-strategischer Winkelzug. Die überwiegende Zahl der Kreativen in Deutschland dürfte sich wohl kaum durch die Musikwirtschaft repräsentiert, geschweige denn geschützt fühlen. Ein aktuelles Beispiel: Wenn künstlich gepushte Teenie-Bands in einer routinemäßig betriebenen Kampagne zu Mediensternchen werden und Prädikate wie “Beste deutsche Band” verliehen bekommen, obwohl das Gros der vielen frischen, kreativen und originellen Musiker überhaupt niemals eine Chance der Berücksichtigung in diesem Medienkartell haben wird, so lässt das zumindest Zweifel aufkommen, inwiefern sich hier “Künstler” repräsentiert fühlen dürfen. Und zwar nicht nur bei Musikern, sondern auch beim Publikum, das eben NICHT die beste deutsche Band präsentiert bekommt, sondern lediglich den aktuellen Liebling der Musikindustrie.
Die moralische Position des Anliegens der Deutschen Phonoverbände wird aber gänzlich in Misskredit gebracht durch die Forderung nach einem “Auskunftsanspruch gegen Internetserviceprovider über die Identität” von Internetnutzern. Dies untergräbt eines der Fundamente eines freiheitlichen Rechtsstaates, der seine Bürger vor unbotmäßigen Begehren und Missbrauch seiner schwachen Position schützt. In den letzten Jahren hat man schon verschiedene haarsträubende Positionen zur Aushöhlung des Schutzes der Privatsphäre zur Kenntnis nehmen dürfen. Die Auffassung, wirtschaftliche Organisationen sollten die Funktion von Institutionen des Rechtsstaates übernehmen ist eine der abenteuerlichsten.
Bemerkenswert daran ist auch die Vehemenz, mit der diese Forderung vorgetragen wird, und andererseits der kaum spürbare Widerspruch dagegen. Ist den Beteiligten und der Öffentlichkeit überhaupt gar nicht bewusst, um welch fundamentales Rechtsgut es hier geht?
Nachtrag: Johnny Haeusler vom Spreeblick, der Erfahrungen mit Musikern und Musikmedien hat, sieht das auch so und betont darüberhinaus, dass sich wohl Künstler und Produzenten von der Musikwirtschaft abwenden und ihre eigenen Medienstrukturen schaffen werden. Das wäre eine schöne, emanzipierte Perspektive.