Hayek über Mill

Friedrich August Hayek ist bei den einen so beliebt wie er von den anderen verflucht wird. Sein ökonomischer Gegenpart war John Maynard Keynes, mit dem er im übrigen befreundet war. Von beiden ist ein epischer Rap-Battle überliefert (wir berichteten mehrmals, z.B. hier). Gern übersehen wird, dass bspw. Milton Friedman die Konjunkturtheorie von Hayek für falsch hielt.

Weniger bekannt ist, dass Hayek sich auch mit John Stuart Mill beschäftigt hat. So veröffentlichte er 1951 das Buch “John Stuart Mill and Harriet Taylor: Their Correspondence and Subsequent Marriage” (hier bei archive.org erhältlich). Nun ist in der Collected-Works-Ausgabe von Hayek Band 16 erschienen: “Hayek on Mill: The Mill-Taylor Friendship and Related Writings” – herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Sandra Peart.

Webseite für philosophisch-ethische Rezensionen

Bereits seit einigen Jahren gibt es die Seite “Philosophisch-ethische Rezension“, auf der jährlich mehrere nützlichen Kurzkritiken philosophischer Titel erscheinen. (Der Autor veröffentlicht diese Rezensionen auch bei Amazon.) Das Spektrum der besprochenen Werke ist breit gefächert: Nussbaum, Höffe, Williams, Searle, Bayertz, Birnbacher, Tugendhat und so weiter. Die Kritiken können alphabetisch geordnet nach Buchautor oder chronologisch geordnet nach Rezensionsdatum durchstöbert werden.

Wie tot ist die Philosophie, und wenn ja, wie heißt die App?

Die beliebte These, die Philosophie sei tot, wird ja in immer neuen Varianten gern aufgelegt. Vor einigen Jahren (wir berichteten) war es Stephen Hawking, der das traurige Ereignis verkündete, und zwar in der Geschmacksvariante, die Naturwissenschaften würden die Dinge jetzt regeln. Auf eine solche standardisierte Vorlage folgen dann die bewährten Antworten aus allen Richtungen (wobei in fundamentalen Fragen dieser Art sich ja oft Vertreter von Positionen in einem Boot wieder finden, die sich sonst spinnefeind sind).

In der British Academy in London hat man nun diese Frage wieder aufgegriffen und diskutiert. Die “Times Higher Education” berichtet davon und gibt einige der vorgetragenen Positionen wieder.

Untergang des Abendlandes aufgehalten – von Kindern

Es ist ja nun schon ein jahrzehntelanger Breitensport, kulturelle Traditionen zu “untergraben” oder über Bord zu werfen, wobei man, sofern man sich berufen fühlt, verzweifelt nach Wegen sucht, dem Ganzen die neueste Plastikkrone aufzusetzen, was einigermaßen aussichtslos ist, da schon annähernd alle Idiotien abgegrast zu sein scheinen (gut, man kann dann auch mal Brecht mit Ernst Jünger und Carl Schmitt aufpeppen, was so regressiv ist, dass es als progressiv verkauft werden kann). So weit, so konventionell.

Oder man macht zur Freude von uns Fans von Kant, Goethe, Humboldt und Brahms einfach mal Kultur und schenkt sich diesen ganzen Überbau da oben – wie diese Kinder aus Louisville:

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Carrier über Werte und Objektivität in den Wissenschaften

Anfang der Woche habe ich kurz Martin Carriers “Einführung zur Wissenschaftstheorie” vorgestellt. Das letzte Kapitel dieses Einführungsbuches ist eine Darstellung der aktuellen Diskussionslage über Werte, Wertfreiheit und Objektivität in den Wissenschaften. Diese Diskussion ist ja schon lange Bestandteil des Nachdenkens über wissenschaftliches Arbeiten. Martin Carrier ist zusammen mit Gerhard Schurz Herausgeber einer 2013 bei Suhrkamp erschienenen Aufsatzsammlung “Werte in den Wissenschaften”. Darin werden historische Schlüsseltexte der Werturteilsdebatte (von Max Weber über Jürgen Habermas bis zu Carl G. Hempel) ebenso präsentiert wie aktuelle Aufsätze zu diesem Thema (z.B. von Noretta Koertge, John Dupré oder Gerhard Schurz). Carrier ist mit einem Beitrag zum Thema “Wissenschaft im Griff der Wirtschaft” vertreten.

In der Information Philosophie 4/2013 hat Carrier einen kurzen Aufsatz veröffentlicht, in dem er diskutiert, welche – positive und negative – Bedeutung Werte für die Objektivität haben. Der Aufsatz ist dort online abrufbar: “Werte und Objektivität in der Wissenschaft“.

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Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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Smart Home – nicht nur intelligent

In Berichten und Debatten über die Digitalisierung ist ein bedächtiges Abwägen von Vor- und Nachteilen eher nicht die Regel. Und so ist die Diskussionslandschaft viel zu oft von Euphemismen und Hysterikern (Befürworter und Gegner) geprägt.

Von diesem Spannungsverhältnis aus ist auch der Anlass für den Artikel “Why Is My Smart Home So Fucking Dumb?” von Adam Clark Estes auf Gizmodo zu verstehen. Der Autor berichtet, wie er mit Begeisterung seine Wohnung mit Smart-Home-Technologie aufgemotzt hat – in mühevoller und nicht ganz billiger Fleißarbeit. Und wie er ein ernüchterndes Fazit zieht. Zum Beispiel, dass das einzig Einfache in der Inbetriebnahme mancher Smart-Home-Komponente das Rauswerfen des Geldes für das Produkt gewesen sei.

Möglicherweise ist ja der Lichtschalter eine der intelligentesten Erfindungen des letzten Jahrhunderts. Festlegen will ich mich nicht, man weiß ja nie. Aber im Gegensatz zu vielen derzeit angepriesenen Technologien hat er milliardenfache Falsifikationsversuche gut überstanden.

1826 Tage Sonne

Die NASA hat ein Video erstellt aus Aufnahmen, die das Solar Dynamics Observatory in den 5 Jahren, die es nunmehr im All unterwegs ist, geliefert hat – mehr als ein Bild pro Sekunde. Wieder einmal ein beeindruckender Sonnenfilm! (Empfehlung natürlich Fullscreen und HD)

Welche sprachlichen Bilder hätten wohl die alten Griechen oder Inder gefunden, wenn ihnen diese Sicht bekannt gewesen wäre? Ob wir uns diese poetische Mühe wohl heute selbst machen werden?