Martha Nussbaum in Bern: Die Wut produktiv überwinden

Die NZZ berichtet von den dreitägigen Einstein-Lectures von Martha Nussbaum in Bern. Der Publikumsandrang war offenbar groß, was zeigt, dass es durchaus noch Bedarf an reflektierten Argumenten jenseits des irren Wahnsinns gibt, der sich in den letzten Jahren breitgemacht hat.

Nussbaums Thema war die Wut – und zwar anders als die destruktive der Fundamentalisten, Wutbürger und Shitstorms, die sich irrational äußert und Irrationales hervorbringt. Die historischen Beispiele aus jüngerer Zeit, die sie für erfolgreiche und gute Politik anführt, sind Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela.

Juilia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt, geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.

Habermas und die Römer

Rechtzeitig zum Fest stellt Spiegel-Online einige neue Bücher vor. Unter den Kurzrezensionen befindet sich auch die Habermas-Biografie von Stefan Müller-Dohm und ein neues Buch über Augustus von Ralf von den Hoff, Wilfried Stroh und Martin Zimmermann. Geeignete Lektüre, um aus den intellektuellen Höhen von Twitter und Facebook hinabzusteigen in die Welt der Information und Argumente.

Arbeitest du für einen Psychopathen?

Der durchschnittliche freundliche Mensch ist immer wieder überrascht, wenn er der üblen, rücksichtslosen, gehässigen Sorte begegnet, weil er normalerweise anderen nicht die Dinge unterstellt, die für diesen Typ gerade einen zentralen Teil seines Lebensinhaltes ausmachen.

Vor der Frage, wie man sich vor Narzissten, Ausbeutern, notorischen Besserwissern und Kontrollfreaks schützt, steht das Problem, wie man sie überhaupt identifiziert. Wer sich darum bemüht, die Dinge gut und anderen das Leben angenehm zu machen, hat oft nicht die Konzepte, Trolle und ihr Gift zu identifizieren. Bei PsychCentral gibt es einen Artikel, der ein paar Merkmale dieser Zeitgenossen beschreibt – zwar ein wenig schematisch, aber immerhin ein Ansatz.

Piketty auf dem Holzweg?

Deirdre McCloskey, die sich selbst als “ex-Marxist, Christian libertarian” beschreibt, hat für das “Erasmus Journal for Philosophy and Economics” eine Rezension zu Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” geschrieben (Downloadlink bei Marginal Revolution).

Sie reklamiert, dass Piketty schwerwiegende Fehler bei zentralen Annahmen mache, und so von falschen Voraussetzungen ausgehend zu einem falschen Gesamtbild gelange. Eine andere Variante ihrer Kritik ist, dass der notorische linke Pessimismus zu einer Fehldeutung der Ungleicheit und vor allem, so betont sie, zu falschen, wenn nicht sogar verhehrenden Rezepten führt.

Vielleicht kann man das Problem, dass hier bei Piketty gesehen wird, für Laien wie mich durch die Frage veranschaulichen, ob der Reichtum von Steve Jobs und Bill Gates “guter Reichtum” ist, weil er Wohlstand für Viele gebracht hat, oder nicht. Piketty scheint hier widersprüchlich, während McCloskey sagt, dass Innovationen die enormen Wohlstandszuwächse in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht haben – so wie sie das jetzt auch in Asien tun.

Evan Davis hatte schon im Mai 2014, bevor Piketty ein Bestseller wurde, die gegensätzlichen Auffassungen von Piketty und McCloskey im Spectator diskutiert.

Mitte November war McCloskey auf dem Podium bei “Policy Exchange“, wo sie Ergebnisse ihrer Rezension vorstellt.

Es ist wahrscheinlich kein Quantendingsbumms

Quantentheorie ist kompliziert, und eine noch optimistische Annahme ist, dass nur die Fachleute sie verstehen. Dennoch muss sie immer häufiger herhalten für die Behauptung verschiedener Ansichten zu Themen von Gesundheit bis Willensfreiheit. David Wallace (Oxford, Philosophy of Physics) warnt jedoch mit Blick auf die Kognitionswissenschaften in seiner Replik “Protecting cognitive science from quantum theory” (in: Behavioral and Brain Sciences 27 (2004), pp. 636-637):

A satisfactory theory of macroscopic ontology must be as independent as possible of the details of microscopic physics.

Neutraler Monismus bei Bertrand Russell

Der Neutrale Monismus ist eine Alternative zu den Klassikern Dualismus, Idealismus und Materialismus. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde er von verschiedenen Autoren diskutiert, und findet sich in den aktuellen Überlegungen bei David Chalmers und Thomas Nagel wieder.

1921 schreibt Bertrand Russell in “The Analysis of Mind”, dass er der Auffassung von William James und den “Amerikanischen Realisten” teilweise zustimme, dass Geist und Materie aus einem neutralen Stoff (“stuff”) bestehen, der nicht geistig oder materiell sei.

“The Analysis of Mind” kann man bei Gutenberg.org und bei Archive.org lesen.

Martha Nussbaum bei EconTalk

Bei EconTalk ist ein Interview mit Martha Nussbaum erschienen. Man kann dort das etwa einstündige Interview hören, runterladen, oder ein Transkript wichtiger Passagen lesen.

Nussbaum zeigt hier wieder einmal ihre Begabung, Probleme anschaulich zu machen und Positionen zu erläutern. Es geht um den Fähigkeitenansatz, wie sie ihn beispielsweise in ihrem Buch “Creating Capabilities” beschreibt und um das GDP (Bruttoinlandsprodukt).