Die Überlieferungsgeschichte des Bodhicaryavatara

Das Bodhicaryavatara ist einer der meistgelesenen buddhistischen Texte. Es ist ein Lehrgedicht, das auf anschauliche Weise und mit inspirierenden, heute mitunter unzeitgemäß klingenden, Metaphern den Weg beschreiben soll, auf dem das Bodhisattva-Ideal – das zentrale Leitbild für Buddhisten in der Mahayana-Tradition – erreicht werden kann. Sein Autor ist Shantideva, ein südindischer Königssohn, der im frühen 8. Jahrhundert in der legendären buddhistischen Universität Nalanda lebte.

Der Text des Bodhicaryavatara, wie er in der tibetischen Tradition überliefert wurde und der den heutigen Übersetzungen zugrundeliegt, hat aber historische Vorläufer, die im Umfang variieren. Wie Siglinde Dietz (Universität Göttingen) in einem ausführlichen Aufsatz (PDF) und Sam van Schaik (British Library) in einem Blogpost (mit Abbildungen) gestützt auf Arbeiten von Akira Saito berichten, umfasst die geläufige Version 913 Verse in zehn Kapiteln, während eine ursprünglichere Version 701 Verse in neun Kapiteln umfasst.

Tibetische Gelehrte hatten wohl Kenntnis davon, dass es verschiedene Versionen des Bodhicaryavatara gibt, wie aus einigen ihrer Anmerkungen zu dem Text ersichtlich ist. Akira Saito zufolge ist die kürzere Version die frühere. Die durch den Tibetischen Buddhismus überlieferte Version scheint auf indischen Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts zu beruhen, in denen neue Verse ergänzt wurden. Dies ist nichts Ungewöhnliches für Texte, die über viele Jahrhunderte eine weite Verbreitung in unterschiedlichen Regionen finden und eine solche praktische Bedeutung haben wie das Bodhicaryavatara. In der tibetischen Überlieferung war die längere Version eine wertvolle Quelle des buddhistischen Schrifttums, möglicherweise weil sie die erste oder einzige war, die in Tibet verfügbar war. Sie hat bis heute Generationen von Buddhisten auf dem Weg zum Bodhisattva-Ideal begleitet.

.

Reeves neue englische Übersetzung der Nikomachischen Ethik

Aristoteles’ “Nikomachische Ethik” liegt erfreulicherweise in einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Übersetzungen vor, sei es ins Deutsche, Englische usw. 2014 ist bei Hackett eine neue englische Übersetzung von C.D.C. Reeves erschienen, die Lawrence Jost bei NPDR rezensiert.

Offenbar enthält das Buch in den Anmerkungen reichhaltige Verweise und Zitate aus anderen Quellen. Gleichzeitig hat sich Reeve bei der Übersetzung enger an das Griechische gehalten, was auf der anderen Seite wie bei allen möglichst wörtlichen Übersetzungen bei einigen Wendungen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann (ein Beispiel wird in der Rezension vorgestellt). Jost geht in seiner Rezension auf verschiedene andere Übersetzungen ein.

Karl Popper zur Einführung

Karl Popper ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in der Wissenschaftstheorie, auch in der Politischen Philosophie und der Ideologiekritik sind seine Beiträge von bleibendem Wert. Als ausgesprochener Gegner von Totalitarismus, Irrationalismus und Obskurantismus hat er “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” geschrieben, das – wie die nahezu hysterische Ideologisierung öffentlicher Debatten der letzten Jahre zeigt – eine immense Aktualität besitzt. Insbesondere der irrationale Essentialismus und das Hordendenken werden von Popper einer systematischen Kritik unterzogen.

Eine sehr gute Einführung in Poppers Leben und einen anschaulichen knappen Überblick über sein Werk hat Manfred Geier 1994 mit dem Titel “Karl Popper” in der Reihe Rowohlts Monographien veröffentlicht. Die klare Sprache und das reichhaltige Bildmaterial machen das Buch zu einem Klassiker. Für einen ersten Einstieg in Poppers eigene Texte eignet sich das “Lesebuch” von Karl Popper, das von einem jungen Assistenten Poppers zusammen gestellt wurde.

.

Owen Flanagan rezensiert Lynn Rudder Bakers Buch über den Naturalismus

Lynne Rudder Bakers neues Buch “Naturalism and the First-Person Perspective” ist 2013 bei Oxford University Press erschienen. Rudder Baker erläutert darin ihre Position, dass der Naturalismus eine Reihe von Tatsachen nicht zu fassen bekommt, beispielsweise Schmerzerfahrungen oder Gedanken, die ein Selbstkonzept enthalten. Der Naturalismus möchte solche Phänomene reduzieren oder aus dem Inventar dessen, was real ist, streichen. Daran scheitert er aber, so Rudder Baker.

Owen Flanagan, Autor einiger Bücher zur Philosophie des Geistes und über den Naturalismus, renzensiert dieses Buch nun in einer gut lesbaren Review bei NDPR.

. .

Weiterer Schritt zur Entzifferung der Schriftrollen von Herculaneum

Beim Ausbruch des Vesuv vor 2000 Jahren wurden bekanntlich Pompeji und Herculaneum von einer meterdicken Schuttschicht begraben. In der Villa dei Papirii hat man eine komplette Bibliothek mit verkohlten Papyrusrollen gefunden, die zum großen Teil epikureische Schriften des Philosophen Philodemus enthalten. Allerdings sind die meisten Rollen derart verkohlt, dass sie nicht zerstörungsfrei entrollt werden können. Nun hat ein Team mithilfe eines speziellen Tomografieverfahrens erfolgreich griechische Schriftzeichen lesen können ohne die Rollen zu öffnen. Anders als in manchen Berichten angegeben, ist man aber noch nicht soweit, zusammenhängende Textstellen im Ganzen entziffern zu können.

Berichte gibt es unter anderem beim Smithsonian und der NZZ. Der Originalartikel des Forscherteams erschien bei Nature.

Hier ein Video von Vito Mocella, dem Leiter des Teams

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Die besten Klassikalben 2014

Was waren die besten Klassikveröffentlichungen 2014? “Don’t ask me!- or any one person alone” sagt Barney Sherman vom Iowa Public Radio. Stattdessen hat er 36 internationale Empfehlungslisten für Klassikaufnahmen des Jahres 2014 ausgewertet und daraus eine eigene Metaliste erstellt. Ergebnis: eine wahre Fundgrube, in der leicht mehr als nur eine Perle nach subjektiven Standards zu finden ist. [via]

Günter Figal ist als Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten

Update: Anders als ich ursprünglich berichtet habe, ist Figal nicht erst in dieser Woche zurückgetreten. Radio Dreyeckland berichtete bereits am 9.1.2015 darüber und bietet ein Gespräch mit Figal als Podcast an – Google war bei meiner Recherche nicht mein Freund. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch diesen mit vielen Informationen angereicherten Beitrag von Ralf Keuper.

Über die Bewertung von Martin Heideggers Werk besteht unter Philosophen durchaus kein Konsens – die Haltungen reichen von Verehrung (durchaus zahlreich) über Gleichgültigkeit bis zu heftiger Ablehnung. Hinzu kommt Heideggers persönliche Verstrickung in den Nationalsozialismus – seit Jahrzehnten wird diese unterschiedlich erklärt und bewertet. Doch seit der Veröffentlichung der “Schwarzen Hefte” Heideggers im letzten Jahr sind Viele, die sich von Heideggers Philosophie inspirieren lassen, schockiert von dessen antisemitischen Äußerungen und ringen um eine Haltung.

Günter Figal ist nun vorgestern als Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten, weil er sie nicht mehr vertreten könne.

Gestern sprach er im Philosophischen Radio des WDR über Heidegger. Gleich zu Beginn und am Ende (ca. ab min. 46:00) der Sendung – hier als Podcast abrufbar – spricht Figal über seinen Schritt und erläutert die Gründe.

Auch bei Deutschlandradio-Kultur hat Figal im Detail die Situation, seinen Schritt und die notwendigen Aufgaben für die Zukunft erläutert (zu finden in der ARD-Mediathek).

Auf SWR2 berichtet Werner Witt über neue und alte Erkenntnisse über Heidegger und darüber, was zu tun ist.

Der SWR berichtete bereits am 15.1. über den Rücktritt Figals (Transkript hier).

Jacques Brel remastered

Jacques Brel hat zahlreiche Künstler mit seinen philosophisch-poetischen Chansons inspiriert – von Marc Almond und David Bowie über Joan Baez und Eartha Kitt bis zu Nirvana und Frank Sinatra, in deutscher Sprache unter anderem Klaus Hoffmann und Herman van Veen. Seine Original-Alben liegen mittlerweile wohl weitgehend remastered vor, aber auch zahlreiche neu zusammengestellte Sampler mit neu abgemischten Stücken sind mittlerweile erschienen.

.